Die Motive für die anhaltenden Bauernproteste in Europa unterscheiden sich Wissenschaftlern zufolge deutlich zwischen einzelnen Ländern. Während die Landwirte in Deutschland vor allem Bürokratie kritisierten, stünden in Frankreich finanzielle Belastungen im Vordergrund, teilte die Universität Göttingen am Montag mit. In Belgien gebe es eine breite Mischung verschiedener Beschwerden, und in den Niederlanden herrsche Unmut über das politische Umfeld vor.
Ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Universität Göttingen wertete erstmals systematisch Aussagen von Landwirtinnen und Landwirten aus. Grundlage der Studie bildeten Online-Befragungen in rund 2.300 Betrieben in den genannten vier Ländern. Dabei stellten die Forscher offene Fragen, um ungefiltert zu erfassen, was Bauern selbst als wichtigste Gründe für die Proteste nennen.
Mit manueller Auswertung und KI-gestützter Textanalyse kategorisierten die Wissenschaftler die Antworten und analysierten ihren emotionalen Tonfall. „So konnten wir nicht nur untersuchen, was Landwirtinnen und Landwirte kritisieren, sondern auch, wie stark Emotionen wie Ärger oder Frustration ihre Aussagen prägen“, sagte die Erstautorin der Studie, die Agrarökonomin Doris Läpple von der Universität Göttingen. Konkrete Beschwerden wie übersteigerte Bürokratie oder Probleme mit dem Einkommen seien häufig mit einem frustrierten Ton einher gegangen. Allgemeinere Themen wie Unzufriedenheit mit der Politik seien dagegen teils aggressiver formuliert worden.
In einem weiteren Schritt verglich das Forschungsteam die geäußerten Gründe für die Proteste mit den politischen Maßnahmen, die darauf auf nationaler und europäischer Ebene folgten. Dabei seien die Regierungen auf einige zentrale Kritikpunkte wie Bürokratie und finanzielle Belastungen zwar eingegangen. Umwelt- und Klimathemen hätten jedoch überdurchschnittlich viel Aufmerksamkeit im Verhältnis zu ihrer Bedeutung für die Landwirtinnen und Landwirte erhalten.
„Unsere Ergebnisse legen nahe, dass politische Antworten gezielter an den tatsächlichen Sorgen ansetzen sollten“, erklärte Läpple. Eine bessere Berücksichtigung der nationalen Kontexte könne dazu beitragen, Spannungen abzubauen und Vertrauen zwischen Landwirtschaft und Politik zu stärken.