Stromausfall in Berlin: Wie eine Kirchengemeinde hilft
Kein Strom, aber offene Türen: Als in Berlins Südwesten das Licht ausging, wurde das Gemeindehaus der Emmausgemeinde zum Zufluchtsort – mit Wärme, Suppe, Strom und überraschend viel Menschlichkeit.
In der Berliner Emmausgemeinde packen die Helfer an - Imago / Funke Foto Services
“Hier sind Sie genau richtig “, sagt der ältere Herr und zeigt einer Dame mit Gehstock den Weg zum Gemeindehaus der evangelischen Emmausgemeinde in Berlin-Zehlendorf. “In meinem Pflegeheim sagte man mir, dass ich hier duschen könnte“, „Ja das können Sie hier, es gibt eine heiße Suppe, Gebäck und auch einen Kaffee. Hier können Sie sich aufwärmen.“
Gleich hinter der gläsernen Eingangstür wird jeder Besucher, jede Besucherin willkommen geheißen. “Was können wir für Sie tun?“, fragen Ehrenamtliche, die an ihren Warnwesten gut zu erkennen sind. Einige Besucher, wie die Dame mit dem Gehstock, bitten um eine heiße Dusche. Denn Wohnungen, Wohn- und Pflegeereinrichtungen sind in diesen Tagen ohne Elektrizität, die in weiten Teilen des Berliner Südwestens durch kriminellen Vandalismus ausgefallen ist. Emmaus ist nicht betroffen. Die Gemeinde liegt außerhalb des Gebietes, direkt an dessen Grenze – für Betroffene des Stromausfalls also gut zu erreichen.
Stromausfall: Berliner Emmausgemeinde hilft mit Dusche und Handy-Strom
Die meisten Besucher wedeln mit den Ladekabeln ihrer Handys, sie brauchen Strom, um wieder mit ihren Liebsten in Verbindung zu sein. „So lange, bis mein Handy wieder aufgeladen ist“, antwortet der 95jährige Wolfgang auf die Frage, wie lange er sich im Emmaus-Gemeindezentrum aufhalten wolle. Er zeigt auf armlange Steckdosenleisten im Eingangsbereich, die in diesen Tagen zu den begehrtesten Accessoires des Gemeindezentrums geworden sind.
Von einer Dusche bis zum Strom fürs Handy – die Berliner Emmausgemeinde hilft - Imago / Funke Foto Services
Wolfgang hat in der Nähe eines Heizkörpers Platz genommen, den Rollator vor sich aufgebaut. Er schaut dem geschäftigen Kommen und Gehen zu und erzählt, wann er den Stromausfall bemerkte und wie er reagierte. „Es war am Sonnabend um 7 Uhr am Morgen. Ich stand auf, wollte mir einen Kaffee machen, das Licht ging nicht an – auch im Sicherungskasten tat sich nichts. Da wusste ich, dass was nicht stimmte.“ Es folgten Telefonate mit der Tochter, der es ähnlich ergangen war. Bald darauf machte sich Wolfgang auf den Weg zum Elektrohandel, wo man ihn den Service der Kirchengemeinde empfahl, den er, wie alle Besucher, zu schätzen weiß und über den grünen Klee lobt. „Dabei bin ich doch gar nicht evangelisch“, sagt er und nickt einer Helferin zu, die einen Kaffee anbietet. Sie lächelt, fast empört: „Das ist völlig egal“.
Atmosphäre in Berliner Emmausgemeinde nicht zu toppen
Der 86-jährige Lichterfelder Peter schaut nebenan von seiner Lokalzeitung auf und genießt es augenscheinlich, hier im warmen und beleuchteten Gemeindehaus ins Gespräch zu kommen. In seiner aktiven Zeit sei er sehr engagiert in der kirchlichen Gemeindearbeit gewesen, er habe organisiert und angepackt und zum Beispiel Lebensmitteltransporte nach Polen auf den Weg gebracht. Peter ist offensichtlich wohlhabend, er könne, wie er von einigen Nachbarn erzählt, die Zeit der Kälte und Dunkelheit in angenehmen Hotels verbringen – aber die Wärme, Freundlichkeit und heitere Professionalität der Haupt- und Ehrenamtlichen von Emmaus sei nicht zu toppen.
Am ersten Tag dieses Angebots hätten sich 8 Besucherinnen und Besucher im Gemeindezentrum eingefunden. Am nächsten Tag, also Sonntag, seien es bis zu 80 Gäste gewesen, die Speicherstrom, Wärme, Heilwasser und ein wenig Gesellschaft gesucht hätten. Gestern Mittag waren es bereits 30 Gäste. Die meisten hatten von der Möglichkeit, eine heiße Gemüsesuppe zu sich zu nehmen, dankend Gebrauch gemacht. Die Suppe ist Teil eines Buffets mit zahllosen Sachspenden aus der Nachbarschaft. „Die Leute bringen was vorbei und verschwinden meist so wortlos, wie sie gekommen sind,“ sagt eine der Ehrenamtlichen, die über die WhatsApp-Gruppe ihres Kirchenchors erfahren hat, dass Helferinnen und Helfer gebraucht werden. Eine ehrenamtliche 75-jährige Kollegin, die Neuankömmlinge im Eingang begrüßt, ist sonst in der „Rosengruppe“ der Gemeinde tätig, die betagte Gemeindemitglieder an den Geburtstagen besucht.
Bis zu 80 Betroffene des Stromausfalls werden in der Berliner Emmausgemeinde am Büffet versorgt - Uli Schulte Döinghaus
Die Hilfsbereitschaft der Zehlendorfer, der Steglitzer und aller Berliner ist beeindruckend, sagt Susanne Seehaus, die zuständige Pfarrerin der Kirchengemeinde Emmaus. Während sie das sagt, beugt sie sich zusammen mit den Gymnasiasten Jonah Dobbert und Cornelius Emmrich über Listen, die Anbieter und Nachfrager nach jetzt gefragten Produkten und Dienstleistungen enthalten. “Wir gleichen das ab, versuchen Angebot und Nachfrage zusammenzubringen “, sagen Jonah und Cornelius, als das Telefon klingelt. Ihre Schule, das Droste-Hülshoff-Gymnasium, entfällt wegen des Stromausfalls, und so nutzen die beiden die „freie“ Zeit, um hier auszuhelfen. Mit Engagement kennen sie sich aus: Sie sind Teamer in Konfi-Gruppen der Gemeinde.
Die Gymnasiasten Jonah Dobbert und Cornelius Emmrich (von links) nutzen den Schulausfall, um Pfarrerin Susanne Seehaus in der Emmausgemeinde zu unterstützen - Uli Schulte Döinghaus
Powerbanks gespendet
Höchst beeindruckt erzählt Pfarrerin Seehaus davon, dass vor kurzem ein Hamburger Bürger eine Ladung mit Benzin betriebenen Generatoren als Geschenk angeboten habe, die er selbst aus Hamburg herbei transportieren werde. “Der Mann, den nichts mit Berlin oder gar Lichterfelde verbindet, hat sich so lange durchgefragt, bis er schließlich bei uns telefonisch landete.“
Diese Geschichte verblüfft auch Cornelia Seibeld. Die CDU-Abgeordnete und Präsidentin des Abgeordnetenhauses von Berlin ist heute zum Arbeitsbesuch in der Emmaus-Gemeinde eingetroffen. Man konnte ihr helfen, als es kurzfristig um eine warme und beleuchtete Wohnung für eine bedürftige Bürgerin ging. Zum Dank für Tatkraft und Organisationstalent der Kirchengemeinde bringt sie mit, was in diesen kalten und dunklen Tagen gut zu gebrauchen ist: Aufladbare Stromspeicher, sogenannte Powerbanks.