Streit um neues Kita-Gesetz

Sie fühlen sich im Stich gelassen

Für die Kitas in Niedersachsen gibt es wenig zu lachen. Dafür sorgt der Entwurf eines neuen Kita-Gesetzes. Die Enttäuschung darüber ist groß, dass auch künftig nicht mehr Zeit für die Arbeit mit Kindern bleibt.

Morgens um 8 Uhr ist noch etwas mehr Zeit: Tobias Neuse von der Kita Gethsemane liest Kindern eine Geschichte vor.

von Sven Kriszio

Oldenburg/Hannover. Noch hat Marlene Kunze-Röhr ihre Hoffnung nicht verloren. „Wir hoffen alle, dass das Kita-Gesetz noch einmal überarbeitet wird“, sagt die Leiterin der evangelischen Kita Wundergarten in Oldenburg. Vor allem der unveränderte Fachkräfteschlüssel im neuen Gesetz stört sie. „Der Entwurf enthält keine Verbesserungen für die Arbeit in Kitas.“

Nicht nur sie ist enttäuscht. Verbände und Kitas in ganz Niedersachsen haben in den vergangenen Wochen ihre Wut und Enttäuschung öffentlich gemacht. Auch Marlene Kunze-Röhr: „Über eine Stellwand haben wir alle Eltern der Einrichtung informiert, welche Auswirkungen der Entwurf für Pädagogen und für Familien hätte“, so Kunze-Röhr. Auch an einer landesweiten Postkarten­aktion hätten sie und ihre Mitarbeitenden teilgenommen.

Zeit ist Mangelware

Seit Langem stoßen die Mitarbeitenden in den Kitas in Niedersachsen an ihre Grenzen. Vor allem Zeit ist Mangelware. „Wenn sich ein Kind wehtut, ist schon eine Kraft gebunden. Die zweite muss sich dann alleine um die restlichen 24 anderen Kinder kümmern“, erzählt Tobias Neuse. „Dann darf einfach nichts anderes passieren“, so der stellvertretende Leiter der Kita Gethsemane in Hannover. Wie viele wünscht auch er sich eine dritte Kraft.

Neuse geht es um eine möglichst individuelle Betreuung der Kinder. „Wenn ein Kind stiller ist als andere Kinder, merkt man seine Probleme vielleicht gar nicht“, so Neuse. Dabei gebe es gute Verfahren, was zum Beispiel in Fällen von häuslicher Gewalt zu unternehmen sei. „Auch pädagogische Angebote kriegen viele Kitas unter den gegebenen Bedingungen nur mit Ach und Krach hin. Was wir jetzt haben, ist leider nur eine Aufbewahrung, sosehr wir uns etwas anderes wünschen würden“, sagt Neuse. Und ja – er fühle sich im Stich gelassen.

Die Liste der Forderungen ist lang

„Seit vielen Jahren ist bekannt, was gebraucht wird“, sagt Uta Funke, die pädagogische Leiterin der Kitas im Stadtkirchenverband Hannover. „Das Gesetz ermöglicht nur die Mindeststandards. Das reicht nicht.“ Zwei Fachkräfte für Gruppen mit 25 Kindern seien zu wenig. Auch Funke setzt auf eine gründliche Überarbeitung des vorliegenden Entwurfs.

Die Liste der Forderungen für höhere­ Qualitätsstandards in Kitas ist lang. Dazu gehören nicht nur eine dritte pädagogische Fachkraft in allen Gruppen, sondern unter anderem auch die Freistellung der Leitungskräfte kleiner Kitas, mehr Zeit für die Vor- und Nachbereitung, kleinere Gruppen, Fortbildungen für Mitarbeitende und bessere Ausbildungsmöglichkeiten.

Fachkräftemangel sorgt auch in Kitas für Engpässe

Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne hat die Novellierung des Gesetzes unterdessen verteidigt. Der Gesetz-Entwurf sei ein „solides Fundament“, so Tonne bei der Einbringung im Niedersächsischen Landtag. Er beteuerte, dass es das Ziel bleibe, eine dritte Kraft zur Betreuung von Kita-Gruppen zu ermöglichen. Doch angesichts des Fachkräftemangels könne dies derzeit nicht umgesetzt werden.

Als Armutszeugnis, das „alle im Stich lasse, die sich in den Kitas für die frühkindliche Bildung einsetzen“, kritisierte dagegen der stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende Björn Försterling den Entwurf. Nötig sei unter anderem ein Stufenplan für den Einsatz der dritten Kraft. In einem nächsten Schritt wird sich nun der Kultusausschuss des Landtages mit dem Gesetz-Entwurf auseinandersetzen. „Mein Team leistet jeden Tag Wunderbares“, sagt Marlene Kunze-Röhr vom Wundergarten in Oldenburg. „Aber wie sollen Qualitätsstandards erarbeitet werden, wenn es an den erforderlichen Rahmenbedingungen fehlt?“

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