Sicheres Sexting – Experten raten zu Aufklärung statt Verbot

Zwischen Liebesbeweis und Straffälligkeit

Für viele junge Menschen ist es normal, sich gegenseitig Nacktbilder oder freizügige Fotos zu senden. Statt Schnappatmung zu bekommen, sollten Erwachsene Jugendliche zum "Safer Sexting" befähigen, rät ein Medienexperte.

Das eigene Kind verschickt von sich Nacktbilder oder freizügige Fotos? Bei Eltern schrillen in der Regel dann Alarmglocken, denn das sogenannte Sexting hat einen schlechten Ruf. Das liegt auch an Schlagzeilen, die zum Beispiel von einer "miesen Sexting-Masche" oder "Sexting-Erpressung" berichten. Nach Auffassung von Fachleuten ist allerdings ein Umdenken in Sachen Sexting nötig, weil es längst ein Teil der digitalen Jugendkommunikation sei. "Statt Sexting zu verteufeln, sollten wir jungen Menschen lieber beibringen, es sicher zu machen", sagt Sven Radtke von der Fachstelle für Jugendmedienkultur NRW im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Die freiberufliche Sexualpädagogin Doris Eberhardt betont, dass Sexting "selbstbestimmte und lustvolle Momente" habe. "Es hat mit erotischer und Beziehungskommunikation zu tun und damit, sich selbst auszuprobieren." Wie in allen Lebensbereichen könne es jedoch auch beim Sexting zu Grenzüberschreitungen und Gewalt kommen. "Je mehr Wissensvermittlung und Kommunikation wir betreiben, desto souveräner und handlungskompetenter können Kinder und Jugendliche aber damit umgehen."

Radtke zufolge geschieht gelungenes Sexting im gegenseitigen Einverständnis und auf einer Vertrauensbasis. Allerdings: "Dieses Vertrauen wird nicht immer belohnt", warnt auch er. Laut einer Studie der Landesanstalt für Medien NRW aus dem vergangenen Jahr hat mehr als jeder fünfte Befragte zwischen 11 und 17 Jahren schon Erfahrungen mit Sexting gemacht. Mehr als jeder Dritte hat Sexting-Inhalte allerdings auch schon einmal ohne Zustimmung des Empfängers versendet. Und fast ebenso viele haben empfangene Sexting-Nachrichten von anderen bereits weitergeleitet - und sich damit möglicherweise strafbar gemacht.

Denn sowohl die Verbreitung als auch die Herstellung und der Besitz von sexuell aufreizenden Bildern von unter 18-Jährigen können strafbar sein und in die Kategorie Kinder- oder Jugendpornografie fallen. Im vergangenen Jahr haben Fälle von Jugendpornografie stark zugenommen: Nach Zahlen des Bundeskriminalamts wurden rund 31 Prozent mehr Fälle erfasst als im Jahr zuvor, insgesamt etwa 9.000 Fälle von Jugendpornografie. Jeder zweite Tatverdächtige ist selbst noch minderjährig.

"Kinder und Jugendliche leiten Sachen oft unbedacht weiter. Sie müssen darüber aufgeklärt werden, ab wann sie sich selbst möglicherweise in einem strafrechtlich relevanten Bereich bewegen", fordert Sexualpädagogin Eberhardt. Medienexperte Radtke hält grundsätzlich eine Sexting-Altersgrenze von 14 Jahren für angebracht; diese sei allerdings schwer zu kontrollieren. Er plädiert dafür, auf den Sexting-Trend mit einer Mischung aus Schutz und Befähigung zu reagieren.

So sollten Kinder und Jugendlichen erst ab einem gewissen Alter ein Smartphone zur Verfügung haben, dessen Nutzung begleitet werden sollte. "Mit kurzer Leine beginnen und sie immer länger werden lassen", empfiehlt der Medienexperte. Wichtig sei zudem, junge Menschen niedrigschwellig etwa über das Recht am eigenen Bild aufzuklären und sie für "sichere Fotos" zu sensibilisieren.

So sei es beim Sexting etwa ratsam, nicht das eigene Gesicht oder identifizierbare Körpermerkmale wie Tätowierungen mitzufotografieren. Auch der mit dem eigenen Namen versehene Schulordner sollte nicht im Hintergrund zu sehen sein, genau so wenig wie das eigene Haustier. Zudem sollten junge Menschen darüber aufgeklärt werden, mit wem sie derartige Bilder oder Videos austauschen könnten. "Je enger die persönliche Beziehung, desto besser", sagt Radtke.

Ihm zufolge ist "Sexting da - und wird auch nicht mehr weggehen". Für junge Menschen gehöre es heute häufig zum Kennenlernen und Flirten dazu. Es sei zudem eine Möglichkeit der Selbstdarstellung; Nacktfotos oder freizügige Bilder würden aber auch als Liebesbeweis gesendet oder um sich gegenseitig sexuell zu erregen. Laut Eberhardt sind sich dabei die Lebensrealitäten von Erwachsenen und Jugendlichen gar nicht so unähnlich. Junge Menschen sollten allerdings gestärkt werden, um bei dieser erotischen Kommunikation positive Erfahrungen zu machen.

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