Preise für frische Lebensmittel 2022 massiv gestiegen

Auch Obst und Gemüse sind deutlich teurer geworden. Um sich ausgewogen zu ernähren, müssen viele Verbraucher tiefer in die Tasche greifen. Jetzt stehen Entlastungsmaßnahmen zur Diskussion.

Viele Lebensmittel sind von der Preissteigerung betroffen
Viele Lebensmittel sind von der Preissteigerung betroffenimago stock&people

Mindestens 400 Gramm Gemüse und 250 Gramm Obst am Tag – das rät die Deutsche Gesellschaft für Ernährung pro Kopf für ein ausgewogenes Essen; alle Produkte im Idealfall noch aus regionaler, saisonaler und biologischer Produktion, um die Umwelt möglichst wenig zu belasten.

Tatsächlich zeigt der jüngste Ernährungsreport der Bundesregierung, dass rund 72 Prozent der Deutschen zumindest vorgeben, sich an diese Empfehlung zu halten und täglich Obst und Gemüse konsumieren. Rund 84 Prozent gaben darüber hinaus an, gerade beim Einkauf pflanzlicher Lebensmittel auch auf Regionalität zu achten.

Gemüse mehr als 10 Prozent teurer

Das sollte positiv stimmen. Gleichzeitig machte aber das Krisen-Jahr 2022 mit seinen allgegenwärtigen Teuerungen auch vor den Feldprodukten keinen Halt. Wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch mitteilte, stiegen die Preise für frisches Obst um drei Prozent im Vergleich zum Vorjahr; für frisches Gemüse mussten Kundinnen und Kunden sogar 10,7 Prozent mehr hinblättern. Insbesondere bei Gurken (26,2 Prozent) und Tomaten (16,9 Prozent) fiel die Preissteigerung eklatant hoch aus, bei Äpfeln (0,8 Prozent) und Pfirsichen (1 Prozent) hingegen nur wenig wahrnehmbar.

Freilich spiegelt sich dabei nur ein genereller Trend für alle Verbraucherpreise wider: Diese stiegen demnach im selben Zeitraum im Schnitt um 7,9 Prozent, darunter für Nahrungsmittel um 13,4 Prozent, für Fleisch und Fleischwaren gar um 14,6 Prozent.

Verbraucher kaufen weniger

Zugleich kauften die Menschen laut Bundesamt auch 6,4 Prozent weniger Obst und Gemüse. Dabei fiel der Absatzrückgang bei Obst (-7,3 Prozent) höher aus als bei Gemüse (-5,4 Prozent). Grund könnte neben den hohen Preissteigerungen auch der Wegfall der Corona-Beschränkungen in der Gastronomie sein, so die Statistiker.

Diese Entwicklung sollte nicht überraschen, folgt sie doch einem deutlicher Anstieg der Erzeugerpreise, also dem Preis, den die Hersteller für ihre Produkte verlangen, über praktisch alle Sparten hinweg. Diese lagen für pflanzliche Produkte im vergangenen April knapp 46 Prozent höher als im Vorjahresmonat und fielen danach mehr oder weniger stetig ab – auf plus 16 Prozent im November 2022. Bei tierischer Erzeugung war der Höhepunkt dann mit einer Zunahme von über 49 Prozent im September 2022 erreicht; zuletzt lag er bei 43,7 Prozent im November.

Abschaffung der Mehrwertsteuer

Die vom grünen Bundesagrarministerium vorangetriebene Ernährungsstrategie, die auf Förderung einer pflanzenbasierten und nachhaltigeren Ernährungsweise fußt, droht damit, konterkariert zu werden. Als Heilmittel erscheint vielen nun die Absenkung der Mehrwertsteuer auf Obst und Gemüse.

Cem Özdemir (Bündnis 90/ Die Grünen), Archivfoto
Cem Özdemir (Bündnis 90/ Die Grünen), ArchivfotoIMAGO/Christian Spicker

Neben Bundesagrarminister Cem Özdemir (Grüne) machen sich unter anderem auch das Umweltbundesamt, die Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) sowie Sozialverbände für eine solche Lösung stark. „Die Abschaffung der Mehrwertsteuer auf frisches Obst und Gemüse sowie Hülsenfrüchte würde allen Menschen helfen, aber überproportional stark jenen mit kleinen Renten und Geringverdienern“, erklärte etwa die Präsidentin des Sozialverbandes VdK, Verena Bentele.

Auch von Erzeugerseite würde eine Senkung der Mehrwertsteuer begrüßt – allerdings nicht einseitig auf Obst und Gemüse, sondern für alle Lebensmittel. Der Deutsche Bauernverband etwa lehnt unterschiedliche Steuersätze ab, sofern damit entsprechende Konsumgewohnheiten kontrolliert würden. Bauernpräsident Joachim Rukwied sagte der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA): „So was ist nicht zielführend, weil es weiterhin genug Käufer geben wird, die dennoch diese teureren Produkte einkauft, während sich Menschen mit geringem Einkommen die Sachen einfach nicht mehr leisten können.“

Entscheidung steht noch aus

Eine endgültige Entscheidung, wie den Preissteigerungen entgegengewirkt werden soll, steht allerdings noch aus. Bezüglich der Mehrwertsteuersenkung ruderte Özdemir zuletzt zurück. „Ich habe dafür erkennbar keine Mehrheit“, sagte er im Interview der „taz“. Bezüglich einer Übergewinnsteuer für die Lebensmittelkonzerne, wie sie verschiedentlich angebracht wurde, äußerte sich der Minister zurückhaltend.

Etwas Luft geben der Politik dabei die Wirtschaftsprognosen für 2023: Auch laut vorsichtigen Schätzungen soll die Inflation, die im vergangenen Jahr mit durchschnittlich 7,9 Prozent ein 30-Jahres-Hoch erreichte und maßgeblich für die Teuerungen verantwortlich war, wieder leicht zurückgehen. Das könnte einen im wahrsten Sinne des Wortes nachhaltigen Effekt auch auf das Ernährungsverhalten der Deutschen haben.