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Präses Latzel: Antisemitismus hat bei uns nichts zu suchen

Angesichts antisemitischer Anschläge ruft rheinische Präses Thorsten Latzel zu Solidarität, Schutz und offener Debatte auf – ohne Abwehr und Sprachlosigkeit.

Thorsten Latzel fordert Schutz und Solidarität für jüdisches Leben in Deutschland
Thorsten Latzel fordert Schutz und Solidarität für jüdisches Leben in Deutschlandimago / Heike Lyding

Gegen einen zunehmenden Antisemitismus fordert der rheinische Präses Thorsten Latzel ein entschiedeneres Auftreten. „Antisemitismus hat bei uns nichts zu suchen, egal, aus welcher Ecke er kommt“, sagte der evangelische Theologe dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Unsere Antwort darauf muss Solidarität, sichtbare Präsenz und konsequenter Schutz sein.“

Jüdisches Leben in Deutschland braucht Sicherheit und Freiheit

Jüdisches Leben sei hierzulande nur unter permanentem Polizeischutz möglich, beklagte der leitende Theologe der Evangelischen Kirche im Rheinland. Das sei nötig, um menschenverachtende Anschläge wie jüngst auf die Chanukka-Feier in Sydney zu verhindern. Jüdisches Leben gehöre zu Deutschland und müsse „selbstverständlich, sicher und frei gelebt werden können“, unterstrich Latzel. Es dürfe nicht sein, dass jüdische Menschen darüber nachdenken müssten, Deutschland zu verlassen.

Latzel äußerte Verständnis für Kritik jüdischer Verbände an Nahost-Erklärungen internationaler Kirchenbünde. Es gebe international „in kirchlichen Kontexten Formulierungen und Haltungen, die von jüdischer Seite zu Recht als problematisch wahrgenommen“ würden. Wenn jüdische Gemeinden den Eindruck hätten, dass Erklärungen kirchlicher Verbünde antisemitischen Ressentiments Anschluss bieten, sei das ein kritisches Warnsignal.

Latzel: Raum für offene Diskussionen schaffen

Gerade angesichts der historischen Verantwortung christlicher Kirchen sei eine große Sensibilität nötig, betonte der leitende Theologe der zweitgrößten deutschen Landeskirche. Kirchen könnten Raum bieten „für offene, kritische und auch kontroverse Debatten, ohne in Abwehr oder Sprachlosigkeit zu verfallen“. Nur durch Begegnung, klare Abgrenzung von Antisemitismus und ehrliche Dialogbereitschaft lasse sich Vertrauen erhalten und erneuern.

Der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Westfalen-Lippe hatte internationalen Kirchenbünden eine verharmlosende Wortwahl zum Gaza-Krieg vorgeworfen. Antisemitische und antiisraelische Ressentiments hätten „leider auch in christlichen Kreisen Anschluss gefunden“, sagte der Vorsitzende des Landesverbands, Zwi Rappoport, zur Eröffnung der westfälischen Synode im November in Bielefeld.

Latzel betont christliche Verantwortung im Palästina-Konflikt

Angesichts der Solidarität evangelischer Kirchengemeinden sowohl mit Israel als auch mit palästinensischen Christen stünden Kirchen vor der „zutiefst christlichen Aufgabe“, Spannungen auszuhalten und zu gestalten, erklärte Latzel. „Die Solidarität gilt dabei jedem Menschen, konkret unseren palästinensischen und unseren israelischen Geschwistern.“ Dabei gehe es nicht um ein „Entweder-oder“, sondern um ein reflektiertes „Sowohl-als-auch“. Israels Sicherheit und palästinensische Lebensperspektiven seien untrennbar miteinander verbunden: „Nur so bleiben wir glaubwürdige Brückenbauer in einer hoch polarisierten Debatte.“