Anton wird wegen schweren Landfriedensbruchs angeklagt. Vor Jahren soll er Polizisten bei einer Demo angegriffen haben. Allein: Er kann sich nicht erinnern. Drama über den Umgang des deutschen Staats mit seiner Jugend.
Dieser Film wird für Diskussionen sorgen. Etwas, was man deutschen Fernsehfilmen ja nicht allzu oft prognostiziert; selten sind dort Themen oder Erzählweisen wirklich kontrovers. Zudem lässt das konstante digitale Rauschen einzelne Produktionen immer schneller im Ozean des Vergessens untergehen.
Bei "Polizei", den das Erste am 26. November um 20.15 Uhr ausstrahlt, wird das voraussichtlich anders sein. Der Film erzählt von Polizeigewalt, von rücksichtslosen, brutalen, geradezu sadistischen Staatsvertretern. Krasser könnte der Gegensatz kaum sein zu den beliebten "Tatort"-Ermittlern, die beim selben Sender jeden Sonntagabend die Krimi-Welt innerhalb von 90 Minuten wieder in Ordnung bringen.
Hier ist nach einem abendfüllenden Spielfilm wenig okay, im Gegenteil: Dieser Film reißt ein Thema an, mit dem sich für einen Großteil des Publikums wohl ungeahnte, von Drehbuchautorin Laila Stieler aber umfänglich recherchierte Abgründe im hiesigen Staatsapparat öffnen. Es geht um systematische Gewalt und darum, dass es wenig zu bringen scheint, sich dagegen zu wehren: Laut der Studie "Gewalt im Amt" - darauf verweist Stieler im Pressematerial zum Film - werden entsprechende Strafverfahren größtenteils wieder eingestellt; 2021 sei das bei ganzen 93 Prozent der Fall gewesen.
In diesem Spielfilm scheint es zunächst umgekehrt zu sein: Dem Kochlehrling Anton wird "schwerer Landfriedensbruch" vorgeworfen. Bei einer Demo am 1. Mai in Berlin zwei Jahre zuvor soll er gegenüber Polizisten gewalttätig geworden sein. Anton kann sich partout nicht erinnern. Seine Mutter schleppt ihn zu einer Anwältin, die Anton drängt, seine Erinnerungen zu rekonstruieren und Zeugen zu suchen. Seinem Umfeld gegenüber hält sich der 18-Jährige bedeckt, versucht, alles selbst mit sich auszumachen.
Doch der Druck ist zu hoch: Anton bekommt Panikattacken, sein Chef beurlaubt ihn, mit der Freundin gibt es Streit. Die Freunde von einst sind nur teilweise zur Aussage bereit: Zu groß ist etwa die Angst des vorbestraften Jonas, selbst erneut ins Visier der Behörden zu geraten. Ex-Freundin Emma immerhin kann weiterhelfen, ebenso wie die linke Aktivistin Merle. Auch mithilfe eines Videos kommt die Erinnerung des traumatisierten jungen Mannes zurück. Und Anton erkennt, dass die Gewalt nicht von ihm ausging...
Der von Regisseurin Buket Alakus sensibel und kraftvoll inszenierte Film erzählt konsequent aus Antons Sicht. Es gelingt sehr gut, seine Lebensrealität spürbar zu machen. "Polizei" funktioniert nicht nach einer klassischen Dramaturgie, sondern orientiert sich an einer beiläufigen, teils fast dokumentarisch anmutenden, gleichwohl packenden Erzählweise.
Poetische Naturbilder nehmen der Geschichte etwas von ihrer Schwere und erinnern auch an die Schönheit des Jungseins. Der Film verhandelt, über die Polizeigewalt hinaus, das frappierende Desinteresse einer Gesellschaft an ihrer Jugend. Wie unter einem Brennglas zeigte sich dieses während der Covid-Pandemie, die hier die Hintergrundfolie des Geschehens bildet. Dazu passt, dass sich Anton immer leicht nach vorn gebeugt bewegt, gewissermaßen weggeduckt - Levy Rico Arcos spielt ihn toll. Wunderbar auch Petra Schmidt-Schaller als dessen Mutter; die nicht ganz einfache Beziehung zwischen den beiden ist anrührend und stimmig erzählt.
Womöglich wird dem Film eine gewisse Einseitigkeit bei der Darstellung des titelgebenden Berufsstandes vorgeworfen werden, der hier so gar nicht als Sympathieträger taugt. Dies zielt aber ins Leere, ist "Polizei" ja aus Antons Perspektive erzählt, aus der heraus dieses Bild durchaus zutreffend ist.
Einzig den allzu generischen, pauschal anmutenden Titel könnte man bemängeln. Dieser soll auf den - ebenfalls von Laila Stieler geschriebenen - Andreas-Dresen-Film "Die Polizistin" aus dem Jahr 2000 verweisen, als eine Art Gegenstück - eine etwas verkopfte Idee. Absolut begrüßenswert hingegen ist der Vorstoß, über den gesellschaftlichen Umgang mit Heranwachsenden nachzudenken. Ein besonderer, mutiger und wichtiger Film.