Orgelspiel per Münzeinwurf

Schon ab 50 Cent geht’s los: Damit können Besucher die rund 3.900 Orgelpfeifen zum Klingen bringen und dabei wie bei einer Jukebox Musiktitel auswählen – das ist europaweit einzigartig.

Landeskirchenmusikdirektor Claus-Eduard Hecker wirft eine Münze ein
Landeskirchenmusikdirektor Claus-Eduard Hecker wirft eine Münze ein

Braunschweig/Hamburg. Klimpernd fällt die Münze in den Kasten neben der Orgel. Besucher der evangelischen Katharinenkirche in Braunschweig erleben dort eine wohl europaweit einmalige Erfindung: Wie bei einer Jukebox können sie per Knopfdruck zwischen elf Musiktiteln wählen. Entwickelt wurde der Münzeinwurf für eine Orgel von der Hamburger Firma „Rudolf von Beckerath“, die 1980 bereits die braunschweiger Orgel selbst gebaut hat.

Wenn die Münze gefallen ist, setzt sich mit einem dumpfen Klack zunächst der Motor des Instruments in Gang, das Gebläse rauscht. „Die Orgel muss sich erst aufwärmen, wie eine Espresso-Maschine“, sagt Landeskirchenmusikdirektor Claus-Eduard Hecker schmunzelnd.

Tasten bewegen sich von allein

Wenn dann Bachs Toccata in d-Moll durch die Kirche schallt, sitzt kein Musiker auf der Orgelbank. Die Tasten bewegen sich von allein, die Register werden wie von Geisterhand bedient. Seit etwa einem Jahr gibt es den Orgel-Audiomaten in Braunschweig. Während bundesweit schon in mehreren hundert Kirchen selbstspielende Orgeln eingerichtet wurden, ist das Münzautomaten-Spiel für Besucher auf Knopfdruck außerhalb der Gottesdienstzeiten laut Hecker eine Neuheit.

„Inzwischen kommen auch viele Gäste von außerhalb nur wegen des Audiomats hier in die Kirche“, sagt der 64-jährige Musiker. Er hat die Stücke, darunter Titel von Dieterich Buxtehude (1637-1707) oder Max Reger (1873-1916), zuvor eingespielt und abgespeichert. Je nach Länge kostet ein Stück zwischen 50 Cent und zwei Euro. Die Beträge gehen Hecker zufolge an die Kirchengemeinde und decken auch die Kosten für die Orgelwartung.

Während in anderen Kirchen Besucher Orgelmusik auch über Lautsprecher hören können, sei diese automatisch ausgelöste Spielweise mit originalem Pfeifenklang einmalig, betont der Landeskirchenmusikdirektor. „Lautsprecher schaffen es einfach nicht, den Klang einer Orgel zu reproduzieren“, sagt Hecker.

Begleitung per Fernbedienung

Ein kleiner unscheinbarer Kasten sorgt zunächst dafür, dass die eingespielte Musik gespeichert wird. Dann werden Impulse zu Schnittstellen an den Pfeifenventilen weitergegeben, erläutert Hecker. „Platz wäre für 24-stündiges Orgelspiel an 60 Tagen.“

Zunächst hat Hecker das Abspielgerät mit seinen Orgelschülern getestet. Erstmals konnten sie damit ihr eigenes Spiel abspeichern und im Kirchenraum erleben und davon lernen. Der Landeskirchenmusikdirektor nutzt die Technik aber auch, um vorne in der Kirche einen Chor zu dirigieren und die Orgelbegleitung dazu per Fernbedienung zu starten.

Allerdings könne ein solches Gerät den Kirchenmusiker keineswegs ersetzen, betont Hecker. Auch wenn in vielen Gemeinden derzeit händeringend Organisten gesucht würden: In den Gottesdiensten könne die vorab eingespielte Musik nicht mit Tempo und Lautstärke auf den Gesang der Gemeinde eingehen. Zudem eigneten sich nur neuere Instrumente mit entsprechenden technischen Voraussetzungen für den Einbau.

„… und schöne Musik haste“

Aber vielleicht könne der Audiomat dennoch den Nachwuchssorgen der Berufsgruppe entgegenwirken, hofft Hecker. Durch das Orgelspiel würden schließlich auch Besucher außerhalb der Gottesdienst-Zeiten angelockt und vielleicht für die Königin der Instrumente begeistert.

Angezogen von den lauten Bach-Klängen wird an diesem Nachmittag auch Klaus Uwe Schütt. „Die Musik hört man schon von draußen“, sagt er begeistert. Der Rentner, der zu Hause selbstspielende Instrumente sammelt, wandert neugierig um die Orgel herum. Organist Hecker wirbt währenddessen mit einem Heinz-Erhardt-Zitat für die Erfindung: „Drück nur auf die richt’ge Taste, und die schönste Musik haste.“ (epd)