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Nürnberger Nachtigall – 450. Todestag des Meistersingers Hans Sachs

Wenige Stunden nach seinem Tod am 19. Januar 1576 ließ der Rat der Reichsstadt Nürnberg das Haus von Hans Sachs durchsuchen. Und sie konfiszierte sogleich ein Spruchgedicht aus dem Nachlass des Dichters: Der „Schuster-Poet“ hatte mal wieder kein Blatt vor den Mund genommen und sich 1557 in einem satirischen Nachruf über Nürnbergs Erzfeind Markgraf Albrecht von Brandenburg lustig gemacht. Das Flugblatt durfte zu Lebzeiten des Dichters nicht gedruckt werden, denn die außenpolitischen Bedenken wogen schwer.

„Sachs war bestimmt kein Revolutionär. Die ständische Ordnung erkannte er als gottgegeben an. Aber er war ein unabhängiger, zeitweise mutiger Mann“, erklärt der Literaturwissenschaftler und Sachs-Biograf Eckhard Bernstein. Die Stadt Nürnberg hingegen habe gewusst, dass ihre Existenz als Wirtschafts- und Handelszentrum von dem Wohlwollen ihrer Nachbarn und dem Schutz des Kaisers abhingen. Der Kaiser war katholisch, Nürnberg seit 1525 lutherisch und musste aufpassen, satirische Sachs-Gedichte passten nicht unbedingt in die Zeit.

Vor diesem komplexen politischen Hintergrund schuf Sachs nach seiner eigenen Zählung 4.275 Meistergesänge, 1.700 Reimpaardichtungen – darunter 200 Spiele -, sieben Prosadialoge, darunter vier Reformationsdialoge, 73 sonstige Lieder als die „summa all meiner gedicht“. Die germanistische Forschung definiert und zählt die Gattungen heute anders, kommt aber auch auf gut 6.000 Texte.

Geboren wurde Hans Sachs am 5. November 1494 als Sohn eines Schneidermeisters. Er besuchte die Lateinschule und wurde danach zum Schuhmacher ausgebildet, daher die Bezeichnung „Schuster-Poet“. Schon während der Lehre ließ er sich in die Anfangsgründe des „Meistergesangs“ einführen. Diese streng reglementierte Sing- und Dichtkunst städtischer Handwerker war aus kirchlichen Bruderschaften hervorgegangen. Die Singschulen duldeten kein Publikum. Im internen „Wettsingen“ widmeten sie sich religiösen, im geselligen „Zechsingen“ weltlichen Themen.

Sachs ging, wie bei den Handwerkern üblich, zunächst auf Wanderschaft. Am Hofe Kaiser Maximilians in Wels entschloss er sich schließlich, Dichter zu werden. In Frankfurt wurde er in die Zunft der Meistersinger aufgenommen.

Im Jahr 1516 kehrte er nach Nürnberg zurück, wo er sich als Schuhmachermeister niederließ. Er heiratete und wurde Vater von zwei Söhnen und fünf Töchtern, die er alle überlebte. Nach seiner Hochzeit widmete er sich vor allem den Schriften Luthers. 1521 soll er etwa 40 davon besessen haben. Die Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben allein überzeugte ihn.

Sachs-Biograf Niklas Holzberg erläutert gegenüber dem Evangelischen Pressedienst (epd): „Sachs sprach vor allem den städtischen Mittelstand und die Unterschicht an, die beide kaum lesen, geschweige denn Bücher anschaffen konnten.“ Sachs’ Einfluss war groß: „Er vermittelte ihnen das gesamte biblische Wissen – dadurch leistete er Enormes für die Verbreitung der lutherischen Lehre.“

Auch Biograf Bernstein bestätigt im epd-Gespräch: „Sachs hatte eine enorme Bedeutung für die Reformation.“ So habe er 1523 eine berühmte Lobeshymne auf Luther als „Wittenbergisch Nachtigall“ verfasst: „Wach auff! Es nahent gen den tag/ich hör singen im grünen hag/Ein wunigkliche nachtigall./Ir stim durchklinget berg und thal…“ Diesen Text hat Richard Wagner als Massenchor in seine Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ aufgenommen, und die Nazis haben ihn propagandistisch missbraucht.

Die heutige Relevanz von Hans Sachs beruht nach Einschätzung des Altgermanisten Hans Brunner „unter anderem darauf, dass sein umfangreiches Werk eine Fülle von Einsichten in die Gedankenwelt seines Jahrhunderts liefert, darunter solche, die auch heute von Bedeutung sind, etwa seine Auseinandersetzung mit der Vorstellung von Krieg“.

Der Meistersinger war aber auch der produktivste deutsche Dramatiker des 16. Jahrhunderts. Für seine Tragödien griff er auf Stoffe aus dem antiken Mythos zurück, für seine Komödien auf Aristophanes und italienische Novellisten wie Boccaccio.

In seinen „Kampfgesprächen“ ließ er allegorische Tugenden und Laster auftreten: die Hoffart und die Demut, die Wollust und die Ehre. Eine Entscheidung zwischen Gut und Böse kraft der Vernunft steht hier im Mittelpunkt. Auch seine Fabeln und Schwänke gehören zu dieser „Spruchdichtung“.

Seine Fastnachtspiele werden laut Holzberg „noch heute jeden Sommer in der Ruine der Nürnberger Katharinenkirche aufgeführt, die in der Zeit nach Sachs den Meistersingern als Aufführungsort diente“. Mit ihren typisierten Figuren karikieren sie menschliche Schwächen. Sachs wollte durch Lachen heilen und hat damit das deutsche Lustspiel begründet. Auch das war „Hans Sachsens poetische Sendung“, wie Goethe ein Langgedicht 1771 nannte. Hans Sachs wurde 81 Jahre alt und nach seinem Tod vor 450 Jahren auf dem Nürnberger Johannisfriedhof begraben.