Neustart im Talar

Der Fachkräftemangel macht sich nicht nur in Kitas, Schulen und Krankenhäusern bemerkbar: Viele Kirchengemeinden suchen händeringend nach Geistlichen. Gefragt sind auch Quereinsteiger mit kuriosen Berufswegen.

Es ist noch gar nicht so lange her, da hat sich Jonas Buja als ehrenamtlicher Kapitaen auf der Kommandobruecke des zivilen Seenotrettungsschiffs „Iuventa“ (Foto vom 07.05.2017) engagiert, um Fluechtlinge auf dem Mittelmeer vor dem Ertrinken zu retten. Doch das ist jetzt Geschichte. Der ausgebildete Nautiker, der beruflich auf Gastankern gefahren ist, hat die Kommandobruecke mit dem Hoersaal getauscht. Als Quereinsteiger studiert er nun in Wuppertal Theologie, sein Ziel ist das evangelische Pfarramt – mit Seelsorge und Kanzel. Sein Wunsch, den er in der Berufsschifffahrt so nicht umsetzen konnte: Menschen helfen, das Miteinander gestalten. (Siehe epd-Feature vom 24.10.2022)
ACHTUNG: VEROEFFENTLICHUNG DES FOTOS NUR IM ZUSAMMENHANG MIT DEM EPD-FEATURE GESTATTET!
Es ist noch gar nicht so lange her, da hat sich Jonas Buja als ehrenamtlicher Kapitaen auf der Kommandobruecke des zivilen Seenotrettungsschiffs „Iuventa“ (Foto vom 07.05.2017) engagiert, um Fluechtlinge auf dem Mittelmeer vor dem Ertrinken zu retten. Doch das ist jetzt Geschichte. Der ausgebildete Nautiker, der beruflich auf Gastankern gefahren ist, hat die Kommandobruecke mit dem Hoersaal getauscht. Als Quereinsteiger studiert er nun in Wuppertal Theologie, sein Ziel ist das evangelische Pfarramt – mit Seelsorge und Kanzel. Sein Wunsch, den er in der Berufsschifffahrt so nicht umsetzen konnte: Menschen helfen, das Miteinander gestalten. (Siehe epd-Feature vom 24.10.2022)ACHTUNG: VEROEFFENTLICHUNG DES FOTOS NUR IM ZUSAMMENHANG MIT DEM EPD-FEATURE GESTATTET!Michael Miklas Photography

Hannover/Leer/Hanstedt. Es ist noch gar nicht so lange her, da stand Jonas Buja als ehrenamtlicher Kapitän auf der Kommandobrücke des zivilen Seenotrettungsschiffs „Iuventa“ und fuhr über das Mittelmeer. Rund 8.000 Flüchtlinge rettete er gemeinsam mit der Crew des ehemaligen Fischtrawlers vor dem Ertrinken, teils in Kooperation mit anderen Initiativen. Hauptberuflich war der nautische Offizier aus dem ostfriesischen Leer auf Gas-Tankern unterwegs. Doch das alles ist jetzt Geschichte, Buja hat die Kommandobrücke mit dem Hörsaal getauscht. Als Quereinsteiger studiert der 30-Jährige nun in Wuppertal evangelische Theologie. Sein Ziel ist das Pfarramt – mit Seelsorge und Kanzel.

Der Kurswechsel zeichnete sich 2019 an Bord des Dreimastseglers „Thor Heyerdahl” ab, auf dem er als Crewmitglied eine Jugendreise begleitet hat. “Das war ein sehr erfüllendes Miteinander von Menschen, in der Berufsschifffahrt ist es doch meist ein Nebeneinander„, blickt Buja zurück, der sich auch als Kirchenvorsteher in seiner evangelischen Heimatgemeinde Holtland engagiert. Sein Ziel: “Als Seelsorger für die Menschen da sein, ihnen helfen, ihr Leben zu gestalten.“

Job als Kapitän aufgegeben

Vorwiegend läuft das Masterstudium „Theological Studies“ an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal berufsbegleitend, sieben Semester inklusive Vorbereitungskurs. Doch das funktioniert bei Buja nicht. „Die Arbeit auf See und das Studium vertragen sich nicht. Deshalb habe ich meinen Job komplett aufgegeben und studiere Vollzeit“, berichtet er. Finanziell ist er durch eigene Rücklagen abgesichert, außerdem unterstützen ihn seine Eltern.

Früher Bau-Ingenieurin und Sängern, heute Pastorin: Ulrike Meyer in der in der evangelischen St.-Jakobi-Kirche in Hanstedt bei Hamburg Foto: Dieter Sell / epd
Früher Bau-Ingenieurin und Sängern, heute Pastorin: Ulrike Meyer in der in der evangelischen St.-Jakobi-Kirche in Hanstedt bei Hamburg Foto: Dieter Sell / epdepd-bild/Dieter Sell

Ulrike Meyer ist schon weiter. Die 53-jährige Bauingenieurin, Sopranistin und Mutter von zwei erwachsenen Kindern hat das theologische Studium bereits absolviert. Auch das Vikariat, der praktischen Teil der Ausbildung, ist abgeschlossen. Das sei nicht immer einfach gewesen, die auf drei Jahre komprimierte Studienzeit habe sie als „Druckbetankung“ empfunden, sagt Mayer – und ergänzt: „Mit vielen positiven Impulsen für Hirn und Geist.“

Spaß mit Zahlen

Ihre Arbeit als Tragwerksplanerin mit mathematischem Blick auf die Statik großer Bauten ist vorbei. „Ich hatte Spaß mit den Zahlen“, sagt sie. Doch nun konzentriere sie sich auf neue Aufgaben. Im Frühjahr ist sie zur Pastorin ordiniert worden. Seither arbeitet sie als Seelsorgerin an der evangelischen St.-Jakobi-Kirche in Hanstedt bei Hamburg.

„Die Verbindung zu den Menschen ist mir wichtig“, betont die Theologin. Und auch die Musik und Solo-Konzerte sollen weiter wichtig bleiben. „Das ist meine Leidenschaft“, sagt die Profi-Sängerin.


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Als Nautiker oder Ingenieurin Pastor oder Pfarrerin werden? Quereinsteiger wie Buja und Meyer werden immer wichtiger – neben den Absolventen des grundständigen Theologiestudiums, das mindestens zehn Semester dauert. Denn die Kirchen in Deutschland rechnen bis 2030 mit deutlich weniger Pastorinnen und Pastoren. Viele aus den geburtenstarken Jahrgängen gehen in den Ruhestand.

EKD entwirft Programm

Zwar rückt im gleichen Zeitraum Nachwuchs auf. Und aufgrund sinkender Mitgliederzahlen der Kirchen und rückläufiger Finanzmittel werden auch Pfarrstellen gestrichen. Trotzdem besteht die Sorge, dass der künftige Bedarf an theologischem Personal nur schwer gedeckt werden kann. Allein die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers, die größte Landeskirche in Deutschland, rechnet damit, dass in nächster Zeit jährlich etwa 100 Pastorinnen und Pastoren in den Ruhestand gehen. 2030 sollen es dann insgesamt etwa 1.200 Pastorinnen und Pastoren sein, heute sind es 1.590.

Auch um möglichst viele Stellen wieder besetzen zu können, hat die EKD 2019 für Quereinsteiger den „Master of Theological Studies“ eingeführt. „Voraussetzung für die Bewerbung um einen Studienplatz in Heidelberg, Marburg, Frankfurt und Mainz, Wuppertal oder Greifswald sind ein nicht-theologisches universitäres Studium und fünf Jahre einschlägige Berufserfahrung“, erläutert EKD-Hochschulreferentin Christiane de Vos.

Kirchliche Sozialisation ist Pflicht

Ältere Ausbildungen zum „Pfarrverwalter“, der dann auch den Titel des Pastors führt, gibt es in Bayern und in der hannoverschen Landeskirche. „So einfach aus dem Off geht das aber auch nicht“, sagt Oberkirchenrat Helmut Aßmann, der in der hannoverschen Landeskirche für die theologische Ausbildung zuständig ist. Die Zugangsvoraussetzungen für die 18-monatige Ausbildung sind nach seinen Worten hoch, Kompetenzen aus kirchlich-diakonischen Berufen oder eine intensive kirchliche Sozialisation Pflicht.

Maximal fünf Personen aus der hannoverschen Landeskirche werden pro Jahrgang für diesen besonderen Zugang von einer Kommission ausgewählt. Das sind keine Zahlen, die die Nachwuchsprobleme lösen. Trotzdem: Regionalbischof Stephan Schaede, der Ulrike Meyer ordiniert hat, freut sich neben den „Grundständigen“ auf alle, die quer ins Pfarramt einsteigen. Sie bereicherten die Kirche mit ihren Lebenserfahrungen: „Durch Kolleginnen und Kollegen wie Ulrike Meyer kommt es zu einer professionellen Durchlüftung des Berufsstandes.“ (epd)