Neues Leben für kranke Kinder

Professor Friedrich-Christian Rieß operiert afghanische Kinder im Hamburger Albertinen-Krankenhaus und schenkt ihnen ein besseres Leben. Jetzt hat der Chirurg für das Projekt „Herzbrücke“ die höchste Auszeichnung Deutschlands bekommen.

Angerer, Krafft

Schnelsen. Zwei Wochen lang lag der Brief zu Hause auf der Kommode. Dabei hatte es der Inhalt in sich, immerhin gratulierte Bundespräsident Joachim Gauck dem Empfänger zum Bundesverdienstkreuz. Das Schreiben des Staatsoberhauptes ging an den Herzchirurgen Friedrich-Christian Rieß, der für ein ungewöhnliches Projekt ausgezeichnet werden sollte. Zusammen mit seinem Team hilft der 61-Jährige kranken afghanischen Kindern mit der „Herzbrücke“. Bis zu 20 kleine Patienten pro Jahr haben dank einer Operation in der Hansestadt die Chance auf ein besseres Leben in ihrer Heimat.
Als der Brief kam, habe er gerade viel zu tun gehabt, sagt Professor Rieß. Kein Wunder: Denn zusätzlich zu seinem Alltag als Chefarzt der Herzchirurgie am Albertinen-Krankenhaus in Schnelsen engagiert er sich ehrenamtlich für die „Herzbrücke“. Regelmäßig steht er für das Projekt im Operationssaal, um Kinder mit einem angeborenen Herzfehler zu operieren. Oft seien es gar nicht so komplexe Eingriffe, sagt der Mediziner. Viele hätten lediglich Löcher in den Herzscheidewänden. Hier in Deutschland werden solche Patienten sehr früh in ihrem Leben operiert. In Afghanistan, wo es so gut wie keine Herzchirurgie gibt, würden sie sterben. Davon profitierte auch Sadaf (9), die unter einem Loch in der Kammerscheidewand litt.

Kooperation mit Kabuler Kardiologen

Manche Kinder leiden allerdings unter einem komplexen Herzfehler. Sie ringen nach Luft und haben schwarzblaue Augen, weil sauerstoffarmes Blut in ihren Arterien fließt. Bei ihnen sieht man direkt nach der Operation, dass die Augen wieder Farbe bekommen und sie sich schnell erholen. „Das sind schöne Momente für das OP-Team und die Gasteltern“, sagt der Arzt.
Angefangen hat das Projekt "Herzbrücke" 2005, als eine Hilfsorganisation anfragte, ob das Albertinen-Krankenhaus zwei kleine Kinder operieren könnte. Das Ärzteteam zögerte nicht, und kurz darauf flog Professor Rieß selbst nach Afghanistan, um sich von der medizinischen Versorgung ein Bild zu machen und um die nächsten Patienten für die noch junge „Herzbrücke“ zu finden. Heute kooperiert das Team mit einem Kardiologen aus Kabul, der die kleinen Patienten auswählt. 148 Kinder haben die Ärzte der „Herzbrücke“ in den vergangenen sieben Jahren erfolgreich operiert, eines hat es nicht geschafft. Die meisten von ihnen wurden im Albertinen Herz- und Gefäßzentrum operiert, einige Kinder wurden im Uni-Klinikum Eppendorf behandelt.
Um die Operationen zu finanzieren, rührt die federführende Albertinen-Stiftung kräftig die Werbetrommel, etwa mit Benefizkonzerten oder mit Golfturnieren, die ein Rotary-Club organisiert. Auch über höhere Einzelspenden konnte sich das Projekt bereits freuen.

"Hier kommen Menschen zusammen"

In Deutschland leben die Kinder mehrere Wochen bei Gastfamilien, um deren Betreuung sich Rieß’ Ehefrau Annette kümmert. Elfmal hat Familie Rieß bereits selbst Gastkinder bei sich zu Hause aufgenommen. Zu fast allen haben sie heute noch Kontakt, meistens per Telefon. Genau dieser Aspekt ist dem Mediziner bei der „Herzbrücke“ sehr wichtig: „Hier kommen Menschen unterschiedlichen Glaubens und unterschiedlicher Ethnien zusammen und bleiben jahrelang in Kontakt.“ Damit erfülle das Projekt einen wichtigen gesellschaftlichen Auftrag. Kontakte würden nicht nur die Ärzte knüpfen, sondern zum Beispiel auch die Eltern von Mitschülern, wenn die afghanischen Kinder hier für mehrere Wochen eine Schule besuchen.
Auch dieser Aspekt hat dazu geführt, dass Professor Rieß das Bundesverdienstkreuz bekam. Bei der Verleihung der Auszeichnung Anfang Februar betonte er, dass er die Ehrung stellvertretend für die mehr als 100 Helfer der „Herzbrücke“ entgegennehme, darunter zum Beispiel Ärzte und Gasteltern.