Ein neues Jahr hat begonnen. Der Blick geht nach vorn. Doch wenn man den Kalender aufschlägt, landet man zunächst in der Vergangenheit – genauer gesagt in der Antike. Die Monatsnamen erzählen davon.
Der Januar trägt den Namen des römischen Gottes Janus, zuständig für Türen und Übergänge. Der März erinnert an Mars, den Kriegsgott. Der Mai geht auf die Göttin Maia zurück, eine Fruchtbarkeits- und Frühlingsgöttin, der Juni auf Juno, die Göttermutter. Juli und August verweisen auf Macht und Politik: Julius Cäsar und Kaiser Augustus. Und die letzten Monate des Jahres – September bis Dezember – stehen schlicht für Zahlen: sieben bis zehn. Sie erinnern an eine Zeit, in der das römische Jahr erst im März begann.
Französische Revolution erfindet Monatsnamen
Immer wieder hat es Versuche gegeben, die Monatsnamen zu ersetzen. Karl der Große schlug althochdeutsche Namen vor wie Wintarmanoth für den Januar, Hornung für den Februar oder Wonnemond für den Mai. Später erfand die Französische Revolution mit Brumaire, Frimaire oder Floréal völlig neue Monatsnamen, die nach Nebel, Reif und Blüte klingen. Doch die alten Monatsnamen blieben bestehen – auch im Christentum, das mit den alten Götterwelten sonst nicht gerade zimperlich umging.
Die Kirche behielt die alten Namen bei und legte stattdessen ihre eigene Zeitrechnung in den bestehenden Kalender. Das Geburtsjahr Jesu wurde zum Bezugspunkt: Anno Domini, im Jahre des Herrn. Sie schuf ein eigenes Jahr im Jahr: das Kirchenjahr. Advent und Weihnachten fanden Platz im Dezember, Passion und Ostern im Frühling, Pfingsten im Frühsommer. Dasselbe Kalenderblatt – aber eine andere Geschichte, die darin erzählt wird.
Die Apostelgeschichte berichtet, wie Paulus in Athen predigt. Auf dem Areopag, einem öffentlichen Platz für Debatten und Streitfragen, stößt er auf einen Altar „für einen unbekannten Gott“. Für einen Prediger des einen Gottes hätte das zum Anlass für ein Donnerwort werden können. Paulus entscheidet sich anders. Er greift den Gedanken auf und deutet ihn neu: Dieser unbekannte Gott, das ist der, den ich verkünde.
Wie christlicher Glaube mit anderen Kulturen umgehen kann
Die Szene zeigt, wie christlicher Glaube im besten Fall mit anderer Kultur umgehen kann: nicht alles verwerfen, sondern aufnehmen, anknüpfen und neu ausrichten. „Prüft alles, das Gute behaltet“, schreibt Paulus an anderer Stelle.
So ist es im Christentum nicht immer gelaufen – aber immer wieder. Uralte Frühlingsbräuche mit Eiern, Hasen und frischem Grün wurden zu Zeichen für Ostern und neues Leben. Wasser und Licht fanden ihren Platz in Tauf- und Osterfeiern. Im Winter stehen Lichter und immergrüne Zweige für Hoffnung in dunklen Zeiten und verbinden sich mit der Botschaft von Christus als „Licht der Welt“: Die Wochen rund um Weihnachten haben erneut gezeigt, wie sehr viele vertraute Bräuche von diesem Aufnehmen und Neu-Deuten leben.

Heute würde man über solche Übernahmen vielleicht als „kulturelle Aneignung“ streiten. Damals ging es um etwas anderes: darum, welche Geschichte Menschen mit ihren Festen, ihren Monaten und ihrem Jahr verbinden.
Dieses Prinzip zeigt sich auch heute. Kirchen öffnen ihre Räume für Konzerte und schaffen Orte für Stille, Segen und Gespräche. Tauffeste an Seen oder in Freibädern verbinden sommerliche Lebensfreude mit dem Zuspruch Gottes. Pop-up-Hochzeiten bieten Paaren einen einfachen und würdigen Segen. Segensaktionen bei Stadtläufen oder Ehrenamtstagen begleiten Menschen an Tagen, die ihnen wichtig sind.
Monatsnamen kommen aus einer Welt, die vergangen ist
Auch Gedenk- und Aktionstage wie der Holocaust-Gedenktag, der Tag der Arbeit oder der Weltumwelttag finden in Kirchen ihren Widerhall – in Andachten, Fürbitten oder Gesprächen. Kirche zieht sich dabei nicht in eine eigene Welt zurück, sondern meldet sich zu Wort, mit einer Stimme, die erinnert, mahnt und tröstet.
Das Jahr 2026 wird keine neuen Monatsnamen bringen. Sie werden weiter nach Göttern und Kaisern klingen, aus einer Welt, die vergangen ist. Doch was aus diesem Jahr wird, hängt nicht an diesen Namen. Entscheidend ist, welche Geschichten die Menschen in diese zwölf Monate schreiben werden: Geschichten von Konkurrenz und Gleichgültigkeit – oder von Vertrauen, Gerechtigkeit und Trost.
Wird 2026 ein gutes Jahr? Das entscheidet nicht der Kalender, sondern der Umgang der Menschen miteinander – und die Frage, welchem Geist sie ihre Zeit anvertrauen.
