Sie ist wohl nicht für jeden geeignet, die neue Jahresausstellung des Deutschen Medizinhistorischen Museums Ingolstadt. "Ansichtssache - Menschliche Präparate im Museum" heißt die Schau. Der Besuch hallt nach.
Darf man das zeigen? Echte menschliche Herzen und Hände? Echte menschliche Schädel? Echte Babys, zusammengewachsen und nach dem Tod für die Ewigkeit konserviert? Solche Exponate sind in der neuen Jahresausstellung des Deutschen Medizinhistorischen Museums Ingolstadt zu sehen. "Ansichtssache - Menschliche Präparate im Museum" läuft vom 3. April bis 11. Januar. Die Schau ist in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich.
Zuvörderst sind da die rund 100 Ausstellungsstücke: neben künstlerischen Bildwerken, Videos und medizinischen Modellen hauptsächlich Präparate echter menschlicher Körper(teile). Aber kann man in Anbetracht dieser Herkunft wirklich von Exponaten sprechen? Sind die gezeigten Objekte nicht gleichsam Subjekte? Schließlich stammen sie von Kindern, Frauen und Männern, zeugen also von einer "gewesenen menschlichen Existenz", wie Thomas Schnalke sagt, der ehemalige Leiter des Berliner Medizinhistorischen Museums.
Schnalke hat an der Schau genauso mitgewirkt wie Udo Andraschke von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Stephan Schwan vom Leibniz-Institut für Wissensmedien Tübingen und Marion Ruisinger, die Chefin des Ingolstädter Museums.
Über Jahrhunderte sind an Universitäten und Krankenhäusern große anatomische und pathologische Lehrsammlungen entstanden, wie die Fachleute erklären. Diese Präparate würden verstärkt hinterfragt, seit 1997 die Ausstellung "Körperwelten" erstmals in Europa gezeigt worden sei. Zusätzlich gebe es Debatten um menschliche Überreste aus Unrechtskontexten wie NS-Herrschaft, DDR und Kolonialismus. Ferner sei es erst seit rund 50 Jahren üblich, dass Menschen vor dem Tod in die Spende ihrer Körper(teile) an die Wissenschaft einwilligten. Wie also mit menschlichen Präparaten umgehen, zumal mit historischen?
Ansichtssache, könnte man im Rückgriff auf den doppeldeutigen Titel antworten. Und genau das tut die Ausstellung auch. So stellt sie verschiedene Möglichkeiten des musealen Umgangs mit menschlichen Überresten dar. Man kann sie zum Beispiel in Glas stecken und von allen Seiten zeigen; man kann eine Vitrine mit Türchen versehen; man kann die Vitrine auch verhüllen, ein leeres Gefäß in sie hineinstellen oder den Schaukasten unbestückt lassen.
Welche Weise die richtige ist - darüber gibt es auch in ihrer universitär-musealen Blase sehr kontroverse Debatten, wie die Ausstellungsmacher betonen. "Wir präsentieren hier keine Forschungsergebnisse, unser Projekt lebt von Fragen", sagt Marion Ruisinger. "Darf man das zeigen? Braucht das die Forschung noch? Wäre ich damit einverstanden?"
Nun, nur Fragen sind's dann doch nicht. Denn zumindest die erste Frage - "Darf man das zeigen?" - beantwortet die Schau ja schon durch ihre Existenz. Wenigstens im rechtlichen Sinne. Ob sie sich auch ethisch geziemt? Für Kritik, Anregungen und sonstige Rückmeldungen gibt es einen Feedback-Raum für die Besucherinnen und Besucher. Zusätzlich wird die Publikumsresonanz im Rahmen einer Studie wissenschaftlich ausgewertet.
In der Schau finden sich derweil Argumente für das Präparieren menschlicher Körper(teile). So sei das künstliche Modell für die Anatomie sehr nützlich, um etwa typische Ausprägungen eines Organs zu verdeutlichen; Digitalisierung und 3D-Druck hülfen heute dabei, heißt es auf einer Tafel. "Anders liegen die Verhältnisse in der Pathologie. Hier interessiert nicht der gesunde Körper, sondern seine krankheitsbedingte Veränderung." Und die sei immer individuell.
Studien zufolge gibt es zudem einen eklatanten Mangel anatomischer Kenntnisse in der Bevölkerung, wie Stephan Schwan ergänzt. Insofern könne eine solche Ausstellung helfen, die Gespräche zwischen Arzt und Patient zu verbessern.
Andererseits: Hat nicht auch der in der Schau ausgestellte Embryo im Uterus ein Anrecht auf eine würdevolle Bestattung? Und gilt das nicht erst recht für die siamesischen Zwillingsbabys? Seit 1866 sind sie in Weingeist festgehalten. Sie stammen aus Mittelfranken; ob sie bei ihrer Geburt noch gelebt haben, weiß man nicht. Kurz danach kamen die Kinder jedenfalls als Leichnam in die Uni nach Erlangen. Bis heute befindet sich das Präparat in der dortigen anatomischen Sammlung.
Bilder wie diese und Gedanken dazu hallen nach. Nicht das schlechteste Zeichen, wenn eine Schau das erreicht.