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Nach Neujahr: Mut statt Vorsätze

Der Druck, sich zu verändern, ist zum Jahresbeginn besonders groß. Doch wer nur optimiert, versteht sich oft selbst nicht besser. Warum echtes Wachstum mit Annahme beginnt – nicht mit Vorsätzen.

Der Jahresanfang wirkt oft wie ein Brennglas: Innere Konflikte und der Druck zur Selbstoptimierung treten besonders deutlich hervor
Der Jahresanfang wirkt oft wie ein Brennglas: Innere Konflikte und der Druck zur Selbstoptimierung treten besonders deutlich hervorImago / Andre Gschweng

In Seelsorgegesprächen höre ich immer wieder, dass gerade zu Beginn des Jahres viele Menschen einen Druck spüren, sich verändern zu müssen, noch mal neu anzufangen und die alten Zöpfe endlich abzuschneiden. Und dann geht es auch schon los: Wenn der „trockene“ Januar – also ohne Alkohol – im besten Falle gleich noch als „Veganuary“ (veganer Januar) zelebriert wird, zählt die Smartwatch beständig die Schritte, während der Smartring dabei die Herzfrequenz im Blick behält. Da winkt die Selbstoptimierung aus gar nicht weiter Ferne. Und in diesem Moment liegt genau auch etwas, was den Blick vom Eigentlichen ablenkt. Und schon steckt man wieder drin im Teufelskreis: Ich muss jetzt, aber will ich wirklich?

Egal, wo man hingeht, man nimmt das alles mit: unerledigte Konflikte, Verlustängste oder die Einsamkeit. Man geht weiter, man rennt weiter, aber bleibt immer auch dieselbe, derselbe. Und so wirkt der Jahreswechsel wie ein Brennglas für all das, was im Alltag oft unter der Oberfläche bleibt. Dabei spielen nicht nur äußere Lebensumstände eine Rolle, sondern auch tiefer liegende Prozesse. Denn Konflikte sind nicht nur der Motor für all unser Tun, sondern auch etwas, an dem man sich sein ganzes Leben abarbeiten kann, ohne dabei weiterzukommen.

Innere Konflikte, die uns prägen

Aus psychodynamischer Perspektive heißt es, dass unser Verhalten und Erleben stark von unbewussten inneren Konflikten geprägt ist. Konflikte, die uns manchmal gar nicht bewusst sind, die sich aber tagtäglich neu inszenieren und das Leben schwerer machen, als es sein müsste. Beziehungserfahrungen und ungelöste emotionale Spannungen beeinflussen, wie wir uns selbst sehen und wie wir uns mit anderen Menschen und der Welt um uns herum in Beziehung setzen.

Ich sollte so sein, aber wie bin ich wirklich? Und zack, da ist er, der innere Konflikt – das Spannungsverhältnis zwischen Ideal und Realität. Schon steigen wieder unangenehme Gefühle auf: Schuld, Scham und Resignation klopfen Mitte Januar bei einigen wieder an die Tür. Zugegeben: Auch bei mir, weil ich gleich resigniert habe und es nicht mal mit einem Vorsatz fürs neue Jahr versucht habe.

Seelsorge schenkt Raum für Gespräche

Bei meiner Arbeit im Seelsorge- und Beratungszentrum in Cottbus oder auch in der Lebensberatungsstelle im Berliner Dom höre ich immer wieder, wie schmerzhaft so eine Reaktion der Psyche auf innere und äußere Konflikte sein kann. Wie es ist, wenn nur noch der Schrittzähler den Takt vorgibt, in einem Alltag, in dem sich Angst, Erschöpfung und depressive Verstimmungen schon lange ganz ungefragt und unbemerkt eingeschlichen haben. Dann gilt es, jemanden zu finden, die oder der zuhört und annimmt – gerade in den ländlichen Gegenden unserer Landeskirche eine Herausforderung. Wenn es dann gelingt, wird spürbar, wie gut es tut, in einem Raum zu sein, in dem man keinen Anforderungen gerecht werden muss, endlich einmal auszusprechen, was schon lange auf der Seele lastet. Sich der eigenen Lebensgeschichte mit all ihren Konflikten zu stellen, um dann wirklich Schritte nach vorn zu tun. Das sind Glücksmomente für diejenige, die es beschreitet, und für den, der das begleiten darf.

Worum es am Ende geht? Einen Raum zu schaffen, in dem miteinander ausgehalten wird und der entschleunigend wirkt. Ein Raum, anders als so oft in der Welt, der nicht den Marktprinzipien folgt, nicht die schnelle Verbesserung der Symptome in den Vordergrund stellt, sondern in dem das Verstehen von unbewussten Dynamiken im Mittelpunkt steht – und es nicht um die schnelle Lösung geht. Und wenn ich dann verstehe, wie es dazu kommt, spüre ich ganz neu Gefühle, und es lösen sich zaghaft die starren Muster. Ich kann nicht nur reifer handeln, sondern auch immer freiere Entscheidungen treffen. Da entsteht ein ganz neuer Blick.

Auch Kirche muss reflektieren

Und ich glaube, dass dieser Blick auch für die Kirche als Organisation hilfreich wäre. Immer wieder wollen wir neu anfangen und optimieren, ohne dabei verstanden zu haben, was uns prägt – sei es als Gemeinde, Kirchenkreis oder Landeskirche. Da werden von Leitungsseite auf die Schnelle Strukturprozesse angestoßen, Gemeinden zusammengelegt und Aufgaben neu oder weiterverteilt. Und dann ist da die Kerngemeinde vor Ort, die am liebsten nichts ändern möchte. Wie können diese verschiedenen Perspektiven und Prägungen zusammengebracht werden?

Es braucht Mut, damit sich am Ende wirklich etwas ändern kann. Denn wenn ich neu hinhöre und hinschaue, kommen gerade die schmerzhaften Themen auf den Tisch: die blinden Flecken. Denn im Großen wie im Kleinen prägen unsere Scham, Schuld und Angst unseren Umgang mit Konflikten, deren Vermeidung und die Art, wie wir Entscheidungen treffen. Und so langsam sickert dann bei mir ein Vorsatz für mein neues Jahr 2026 durch: Mehr Mut für erste neue Schritte – keine Optimierungsziele – ob jetzt im trockenen Januar oder später im feucht-fröhlichen Hochsommer.