Die Silvesternacht ist in Deutschland offenbar friedlicher verlaufen als in manchen Vorjahren. Doch Fachleute für Umwelt und Gesundheit dringen auf ein Verbot von privatem Feuerwerk – und die Politik reagiert.
Luftverschmutzung, Lärm, Verletzungen: Die Gefahren von privatem Feuerwerk für Mensch und Umwelt sind offenkundig. Zwar erklärt der Bundesverband für Pyrotechnik und Kunstfeuerwerk am Neujahrstag, “99,9 Prozent der Menschen” hätten den Jahreswechsel hierzulande sicher und bunt gefeiert. Doch selbst wenn diese Zahl stimmt, sorgt das übrige 0,1 Prozent für immer größeren Unmut.
Für rund ein Viertel gehört das eigene Zünden von Raketen und Böllern laut Verband dazu; “Millionen weitere schauen zu und erfreuen sich am Lichterglanz”. Zudem sei die vergangene Silvesternacht vergleichsweise ruhig verlaufen.
Ganz anders sieht es die Deutsche Umwelthilfe, die in einer Mitteilung von einer “Horrornacht” spricht. In Bielefeld kamen laut Medienberichten zwei Jugendliche bei Unfällen mit selbst gemachter Pyrotechnik ums Leben; in Berlin und anderen deutschen Großstädten kam es zu krawallartigen Szenen. Letztmals selbst böllern durften die Menschen in den Niederlanden. Ob das verheerende Feuer in der historischen Vondelkirche von Amsterdam mit leichtsinnigen Schüssen zusammenhing, bleibt bislang unklar.
66 Organisationen fordern ein solches Böllerverbot auch in Deutschland. Dazu zählen etwa die Gewerkschaft der Polizei, die Bundesärztekammer, der Deutsche Tierschutzbund, das Kinderhilfswerk oder der Verband Neurodiversität: Lärm und Hektik könnten für Menschen mit Autismus oder ADHS sehr belastend sein, erklärt letzterer.
Verbotszonen und Appelle seien gescheitert, mahnt der Geschäftsführer der Umwelthilfe, Jürgen Resch. “Ein bundesweites Böllerverbot ist rechtlich einfach umsetzbar und von der Mehrheit der Menschen gewollt.” Darauf deuten jüngste Umfragen in der Tat hin.
Die Gewerkschaft der Polizei berichtet unterdessen von zahlreichen Festnahmen schon vor Mitternacht. Vielerorts seien Polizeibeamte attackiert worden, ebenso habe es Sachbeschädigungen gegeben, sagte der Vorsitzende Andreas Roßkopf dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.
Insbesondere beim Einsatz von sogenannten Kugelbomben drohe gefährliche Körperverletzung. “Menschen, die solche Taten begehen, nehmen absolut in Kauf, andere zu verletzen.” CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann kündigte in der “Bild”-Zeitung eine Verurteilung von Tätern innerhalb weniger Tage an: “Wer Retter angreift, hat den Respekt vor wirklich allem verloren.”
Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) hatte bereits einen Gesetzentwurf vorgelegt, der schärfere Strafen für Angriffe auf Einsatz- und Rettungskräfte vorsieht. Sie setzten sich an 365 rund um die Uhr für die Allgemeinheit ein, betont nun der Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, Hermann Gröhe. Zunehmende Gewalt gegen sie sei “ein erschreckendes Zeichen für die wachsende Verrohung in Teilen unserer Gesellschaft”, dem alle entschlossen entgegentreten müssten. In Frankfurt am Main wurde demnach ein Rettungswagen des Roten Kreuzes angegriffen und ein Mitarbeiter verletzt.
Hinzu kommen Müll, panische Reaktionen von Haus- und Wildtieren sowie Feinstaubbelastung. Die Umwelthilfe berichtet von einem Feinstaub-Spitzenwert von 1.458 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft in der Silvesternacht etwa in München – der Tagesgrenzwert liegt laut Bundesumweltamt bei 50. Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) stehe jetzt in der Verantwortung, sagte Geschäftsführer Resch.
Sollte kein Verbot für privates Feuerwerk kommen, plädiert Nabu-Chef Jörg-Andreas Krüger für Alternativen: “Wenn man eine Feiermeile hat wie in Berlin, muss man darüber diskutieren, ob man über die Ticketpreise auch die Müllentsorgung auf dieser Meile mitfinanziert”, sagte er dem Portal T-Online. Es sei unfair, wenn Menschen sich allein auf ihre Freiheit beriefen: “Dann muss ich die Kosten dafür auch tragen.” Dabei gehe es nicht um einen “Obrigkeitsstaat”. Die Gesellschaft müsse sich jedoch fragen, “wie wir damit umgehen, dass Polizei, Rettungskräfte und Entsorger der Lage an Silvester zunehmend nicht mehr Herr werden”.