Von Kaurischnecken zu Papierscheinen – Seit der frühen Menschheitsgeschichte nutzen die Menschen bare Währungen für Güter und Dienstleistungen. Doch das System steht unter digitalem Druck. Zeit für gesetzlichen Schutz?
“Nur Bares ist Wahres” – die geläufige, und ehrlicherweise inzwischen auch etwas abgedroschene Redewendung, wird immer wieder gerne angebracht, um die Liebe der Deutschen zu ihren Münzen und Scheinen zu verdeutlichen. Tatsächlich werden in Deutschland noch knapp die Hälfte aller Zahlungen bar beglichen. Das unterscheidet die Bundesrepublik von anderen europäischen Ländern, etwa Schweden, wo zuletzt knapp 90 Prozent aller Zahlungen nur noch digital ausgeführt wurden.
Doch auch hierzulande nimmt der Trend zum bargeldlosen Bezahlen zu. Denn vor zehn Jahren wurden noch knapp 80 Prozent aller Zahlungen bar abgewickelt. Dagegen drängen Kartenzahlungen, aber auch andere digitale Alternativen wie Apps und Online-Überweisungen immer stärker vor – so dass mancher inzwischen um die Zukunft des Bargeldes fürchtet.
Dabei definiert die Barzahlung das menschliche Handeln im Prinzip seit Anbeginn der Zivilisation. Als eine der ersten belegten Währungen gilt das schillernde Gehäuse der Kaurischnecke. Die Nutzung von Kaurigeld für den Tauschhandel lässt sich in Gebieten Afrikas und Asiens schon in der Jungsteinzeit belegen, etwa 6.000 Jahre vor Christus. In einigen afrikanischen Naturvölkern ist das Schneckenhaus noch heute als Zahlungsmittel präsent. Daneben entwickelten sich je nach Region auch andere Formen der Naturalienwährungen, etwa Kakaobohnen in Süd- und Mittelamerika oder Walzähne bei den Bewohnern der Pazifikinseln.
Das erste “moderne” Münzgeld hingegen kam erst viel später hinzu. Als Pioniere gelten die Lyder, deren Reich in Kleinasien im 7. und 6. Jahrhundert vor Christus bestand. Um das Jahr 650 prägten die Lyder die ersten Münzen. Bis heute gehalten hat sich der Name des letzten lydischen Königs Krösus (590-541) als Bezeichnung für einen exorbitant reichen Menschen – wenn auch sein Reichtum wohl vor allem darauf beruht, dass sein Volk überhaupt erst mit der Prägung von Goldmünzen begonnen hatte.
Zwar gingen die Lyder bald im persischen Großreich auf. Ihre Münzprägung machte aber Schule. Von Indien bis Rom begannen Reiche, ihre eigenen Währungen zu prägen und zu verbreiten. Dabei stand hinter der Idee des bloßen Zahlungsmittels auch ein kultureller Aspekt: Eine einheitliche Währung drückte eine Zugehörigkeit und Identität aus. Spätestens im römischen Kaiserreich diente sie – ausgestattet mit dem Konterfei des jeweiligen Kaisers – auch als Form der Herrschaftslegitimation.
Der steigende Bedarf an Zahlungsmitteln sorgte in der frühen Neuzeit dann für eine wichtige Ergänzung: Den in der Herstellung teuren Edelmetallmünzen wurde das Papiergeld hinzugestellt. Dadurch ließ sich schneller und effektiver der zunehmenden Güterproduktion und dem steigenden Handelsvolumen beikommen. Doch groß war seinerzeit das Misstrauen der Bevölkerung: Als 1772 das Kurfürstentum Sachsen als erster deutscher Staat sogenannte Kassenbillets aus Papier als Währung einführte, war das Misstrauen gegen das Ungewohnte naturgemäß groß.
Der gemeinsame Siegeszug von Münzen und Papier als Währung ließ sich dennoch nicht aufhalten. Und doch steht das Bargeld aktuell vielleicht vor der größten Herausforderung seiner tausende Jahre alten Geschichte. Verfügbarkeit und Akzeptanz von Bargeld sind nicht nur in Deutschland auf dem Rückzug. Das alarmiert Wirtschafts-, Sozial- und Verbraucherverbände, die nun ein Gegensteuern anmahnen. Ein am Donnerstag vorgelegter Appell mehrerer Organisationen fordert die Bundesregierung auf, das Bargeld auch gesetzlich zu schützen.
Ein Gesetz solle klare Regeln für die Akzeptanz von Bargeld setzen sowie den kosten- und barrierefreien Zugang sicherstellen und das Zahlungsmittel so zukunftsfähig machen. Bargeld habe in der Gesellschaft weiterhin wichtige Funktionen, betont die Finanzmarktexpertin von der Verbraucherzentrale Bundesverband. “Viele Menschen empfinden gerade bei kleinen Beträgen digitale Zahlungen als unübersichtlich und wollen nicht so viele Daten offenlegen.” Es gehe um Privatsphäre, Wahlfreiheit – aber auch Sicherheit: Denn anders als digitale Zahlungen ist das Bargeld nicht anfällig für Cyberangriffe und kann auch bei Stromausfällen noch genutzt werden.
Hinzu kommen auch soziale Aspekte, wie Michael David von der Diakonie erklärt. So sei Bargeld gerade für Menschen in prekären Situationen, etwa Obdachlose, oft die einzige Möglichkeit, überhaupt zahlen zu können. Und auch Garagenflohmärkte, Kuchenbasare oder Spendensammlungen stünden zur Disposition. “Diese Form nachbarschaftlicher Aktivitäten ist ohne Bargeld kaum umsetzbar”, betont David.