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Minneapolis: Tage der Entscheidung

„Eine rote Linie“ für die USA: Kirchen, Ex-Präsidenten und Zivilgesellschaft schlagen Alarm. Warum jetzt entschieden wird, wer die USA sein wollen. Ein Kommentar von Gerd-Matthias Hoeffchen.

Wieder wurde ein Mensch von ICE-Beamten erschossen. Viele Menschen in den USA protestieren dagegen
Wieder wurde ein Mensch von ICE-Beamten erschossen. Viele Menschen in den USA protestieren dagegenimago / ZUMA Press Wire

Es gibt Stunden, in denen sich Geschichte entscheidet. Als 1521 ein Mönch namens Martin Luther vor dem Reichstag in Worms auftrat und sagte: Ich kann nicht anders – und damit den Weg für evangelischen Glauben und für Glaubensfreiheit öffnete. Als 1776 in Nordamerika dreizehn britische Kolonien ihre Unabhängigkeit erklärten und damit die USA gründeten, „the land of the free“, das Land der Freien. Als im Herbst 1989 Hunderttausende sagten: Wir bleiben nicht mehr zu Hause, wir gehen auf die Straße – und die Mauer fiel.

Heute erleben wir wieder solche Stunden. Der US-Bundessstaat Minnesota ist in diesen Tagen wie ein Brennglas: Maskierte in Uniformen versetzen ganze Wohnviertel in Angst. Sie schießen auf friedliche Demonstrantinnen und Demonstranten. Die Bundesregierung in Washington verhöhnt die Opfer und will uns allen Ernstes glauben machen, wir dürften dem, was wir mit eigenen Augen sehen, nicht mehr trauen – es sei ja alles ganz anders.

Trump kreiert eine Horror-Show

2026 ist das Jahr, das die USA stolz als 250. Geburtstag von Freiheit, Verfassung und Bürgerrechten feiern wollten. Tatsächlich hat Präsident Trump daraus eine Horror-Show gemacht. Die Bischöfin von Washington, Mariann Edgar Budde, nennt diesen Moment eine „bright line“: eine rote Linie, an der sich entscheidet, wer die Vereinigten Staaten sein wollen. Ex-Präsident Barack Obama spricht von einem „wake-up call“, einem Weckruf für alle, unabhängig von Parteigrenzen: Hier geht es um alles oder nichts. Bill Clinton, ein weiterer Ex-Präsident, warnt, die Amerikaner könnten Freiheiten verspielen, die sie vielleicht nie zurückbekommen.

Unser Autor Gerd-Matthias Hoeffchen
Unser Autor Gerd-Matthias HoeffchenUK

Hier kippt etwas. Hier entscheidet sich Weltgeschichte. Deshalb reicht es nicht, diese Entwicklung nur zu beschreiben. Wir alle müssen widersprechen! Die Menschen in den USA, die nicht mehr stillhalten – Kirchen, Medien, Nachbarschaften –, sondern auf die Straßen gehen. Friedlich. Mutig. Trotz mittlerweile Lebensgefahr.

Deutschland und Europa dürfen nicht wegsehen

Auch wir, die Menschen in Europa, in Deutschland, sind gefragt. Wenn deutsche Politiker angesichts erschossener Demonstranten immer noch trotzig behaupten, Trump habe ja nicht in allem Unrecht, ist das nicht kluge Diplomatie. Es ist eine fatale Form von Beschwichtigung. Ähnliches hatte unter dem Begriff „Appeasement“ schon einmal Chaos, Tod und Vernichtung zur Folge – als die Welt die böse Ader des Dritten Reiches nicht wahrhaben wollte.

Wir haben unsere Großeltern gefragt, warum sie beim Aufstieg des Faschismus weggesehen haben. Wenn wir heute wieder wegsehen, verlieren wir jedes Recht, uns moralisch über unsere Vorfahren zu erheben. Dann sind wir nur eine weitere Generation, die zugesehen hat, wie das Böse die Welt vergiftet.