Besonders im Netz explodiert der Hass auf Juden. Karin Prien setzt dem digitale Medienkompetenz entgegen. Und fordert ein Update deutscher Erinnerungskultur – keinen Schlussstrich.
Neue Ideen und nie nachlassende Anstrengungen im Kampf gegen Antisemitismus hat Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) gefordert. Antisemitismus sei wieder gesellschaftsfähig geworden, sagte Prien laut Manuskript einer für Donnerstagabend geplanten Grundsatzrede in der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg. “Antisemitismus ist damit alles andere als ein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte. Das spüren wir schmerzlich.”
Prien kritisierte, der Hass gegen Juden erlebe in gesellschaftlichen Krisenzeiten einen Aufschwung und entfalte so seine zerstörerische Kraft, die Menschen ausgrenze und entmenschliche. Deshalb sei das Engagement gegen Antisemitismus und die Prävention von Hass ein unverzichtbarer Kern von Bildungsarbeit auf allen Ebenen: von der Kita bis zur Universität. Es gehe um einen “unverzichtbaren Bestandteil einer funktionierenden Demokratiebildung”.
Bildungsarbeit gegen Antisemitismus müsse verschiedene Aspekte zusammen denken, sagte die Ministerin. Es gehe um Wissensvermittlung über historische und politische Zusammenhänge, Selbstreflexion, Bearbeitung eigener Emotionen sowie um die Stärkung und Ausbildung von Mitgefühl und Empathie.
Schulen dürften sich nicht aus Angst vor erhitzten Debatten vor dem Thema Antisemitismus oder Nahostkonflikt wegducken, sagte Prien. Damit hier aber ein sachlicher Dialog gelinge, müssten Lehrer “fundierter über die Geschichte des Nahen Ostens Bescheid wissen, über Ausgrenzung und Verfolgung”.
Als derzeit wichtigsten Bereich antisemitismuskritischer Bildungsarbeit nannte Prien die digitale Medienkompetenz. Antisemitische Inhalte, Verschwörungsmythen und Desinformationen verbreiteten sich rasend schnell im Netz – beispielsweise über Memes, Bilder, Videos und Schlagworte. “Und natürlich erreichen sie gerade auch Kinder und Jugendliche. Weil sie vereinfachen, emotionalisieren und, ja, auch unterhalten.” Die Logik von Plattformen und Social Media belohne Polarisierung und Empörung, und das wirke bei Antisemitismus wie ein “Brandbeschleuniger”.
Die CDU-Politikerin, die selbst jüdische Wurzeln hat, sprach sich auch für eine Weiterentwicklung der Erinnerungskultur an die Schoah aus. Mit dem absehbaren Verschwinden der letzten Zeitzeugen brauche es neue Ideen und Konzepte. Erinnerungskultur müsse zu den heute jungen Menschen passen.
“Wir können die Geschichte so erzählen, dass sie zeigt, wie sehr Deutschland heute auf den Schutz von Minderheitenrechten achtet, und wie wir davon profitieren, in einem freien, demokratischen Land zu leben. Und wenn wir uns und junge Menschen daran erinnern, wenn wir das nicht vergessen – dann haben wir eine gute, starke Grundlage, um mit Vertrauen nach vorn zu blicken.” Als große Chance bezeichnete Prien die Pläne der Gedenk- und Bildungsstätte Yad Vashem, in Deutschland ein neues Zentrum eröffnen zu wollen – als ersten Standort außerhalb von Israel.