Vor 120 Jahren wagte eine Gruppe junger Künstler den Aufbruch in die Moderne. Sie nannten sich "Die Brücke". Eine Auswahl ihrer Werke, die besonders auf leuchtende Farben setzen, ist nun in Kochel am See zu sehen.
Die Malerei der klassischen Moderne, vor allem die Werke der Künstlergruppe "Der Blaue Reiter" sind das Spezialgebiet des Franz-Marc-Museum im oberbayerischen Kochel am See. In einer Sonderausstellung widmet sich das Haus nun einer weiteren bedeutenden Vereinigung: den Künstlerinnen und Künstlern von "Die Brücke". Anlässlich der Gründung des Verbunds vor 120 Jahren in Dresden sind bis 12. April 2026 rund 60 Meisterwerke zu sehen, darunter Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen und grafische Arbeiten. Sie stammen von Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff, Fritz Bleyl, Max Pechstein, Otto Mueller und Emil Nolde.
Das Museum schließt damit insofern eine Lücke, als dieses Jubiläum bisher kaum in einer Schau aufgegriffen wurde. Dabei war diese Gründung die Initialzündung für den Aufbruch der deutschen Kunst in die Moderne. Die Brücke-Künstler forderten den Kunstbegriff ihrer Zeit heraus: mit leuchtenden Farben, radikal vereinfachten Formen und einem spontanen, leidenschaftlichen Zugriff auf die sichtbare Welt.
So war die Brücke weit mehr als ein gemeinsames künstlerisches Programm. Kunst und Leben sollten eine neue, natürliche Einheit bilden. Die Künstler wollten sich radikal von einer allgemeinen Erstarrung befreien, arbeiteten eng zusammen, nutzten ihre Ateliers auch als Wohnräume und zeichneten nach den selben Modellen. Spontane Skizzen, impulsive Zeichnungen und farbintensive Gemälde entstanden oft in kürzester Zeit. Ohne langes Nachdenken sollte das unmittelbar auf die Leinwand oder das Papier gebracht werden, was sie im Augenblick gerade erlebten. Sie alle verband die "sinnliche Lust am Gesehenen", die Kirchner als Ursprung der bildenden Kunst verstand.
Mit dem Umzug nach Berlin wenige Jahre später wuchs die kreative Spannung zwischen Natursehnsucht und Großstadtfaszination. In der pulsierenden Metropole entdeckten die Künstler neue Themen: Zirkus, Tanz, Varieté und Theater. Doch diese urbanen Motive sind oft durchzogen von Melancholie und existenzieller Zerbrechlichkeit. Das schlägt sich in ihren Bildern in verknappten Linien, verdichteten Räumen und nervösen Pinselstrichen nieder. Der Artist, gleichsam schwebend zwischen Berufsrisiko und Armut, wurde für sie zum Sinnbild ihrer eigenen Existenz: kompromisslos, verletzlich und immer absturzgefährdet.
Künstlerisch wurde für Brücke-Mitglieder vor allem der Holzschnitt als Ausdrucksmedium bedeutend. Das rohe Material, die klaren Kontraste und die formale Reduktion entsprachen ihrer Suche nach Ursprünglichkeit und Intensität. Diese scheinbar archaische und unmittelbare Kraft entdeckten sie auch in den außereuropäischen Kunstwerken in ethnografischen Sammlungen. Auch von deren Andersartigkeit waren sie fasziniert. Dieses Verständnis ist aus heutiger Sicht kritisch zu sehen, da es aus kolonial geprägten Vorstellungen hervorging. Ebenso der Umgang der Künstler mit jugendlichen Modellen wie etwa der minderjährigen "Fränzi", die Fragen nach Grenzüberschreitungen und Geschlechterrollen aufwerfen.
Die Schau entfaltet ein Panorama der Brücke-Kunst von frühen Akten, über Szenen gemeinschaftlicher Sommeraufenthalte bis hin zu den expressiven Darstellungen eines neuen Lebensgefühls. Ein kleines Problem hat sie aber doch: Die Motive dieser Arbeiten - hauptsächlich Landschaften und Akte - wiederholen sich und sind allgemein bekannt. Das macht diese Ausstellung aber wieder wett durch weniger oft gesehene Exponate, von denen viele aus dem Kunstmuseum Ravensburg und aus Privatbesitz stammen. Insofern können die Besuchenden hier durchaus etwas Neues in dieser Kunst entdecken, die den deutschen Expressionismus ebenso nachhaltig geprägt hat wie der zeitgleiche "Blaue Reiter" in München.