Um neun Uhr morgens hat sich eine Gruppe von Menschen mit dunklen Winterjacken und Rucksäcken im Allerheiligenviertel in Frankfurt am Main versammelt, laut einem Anbieter von Stadtführungen die „hässliche kleine Schwester des Bahnhofsviertels“. Das ist durch Rotlichtmilieu und Drogenmissbrauch bekannt. Eine Tür öffnet sich, eine Dame notiert den Namen der Eintretenden und fragt nach dem Anliegen. Hinter der Rezeption hängt ein aus Holzstücken gefertigtes Kreuz. Die Elisabeth-Straßenambulanz der Caritas empfängt montags bis freitags jeden Vormittag Menschen, die krank sind, aber keine Arztpraxis aufsuchen, weil sie nicht krankenversichert sind oder am Rand der Gesellschaft leben.
Caritas-Straßenambulanz hilft Menschen ohne Versicherung
Ein Mann mit schwarzer Jacke, weißem Hoodie und Jeans wird in das Behandlungszimmer von Maria Goetzens, Allgemeinärztin und Nonne, gewiesen. Die Leiterin der Ambulanz, Mitglied der Missionsärztlichen Schwestern, liest in der Krankenakte: „Sie haben Blut gespuckt und Tabletten für den Magen genommen.“ Der Patient spricht gebrochen Deutsch. Die Ärztin untersucht den Bauch und ruft den Übersetzungsdienst an. Eine Stimme übersetzt aus dem Polnischen: Er sei der Anweisung nicht gefolgt, zur AOK zu fahren, weil er dort Schulden habe, sagt der Patient.
Goetzens lässt übersetzen: „Sie können auch mit Schulden krankenversichert werden.“ Die Ärztin gibt dem Patienten dafür die Adresse der Sozialberatung. Sie fordert ihn auf: „Gehen Sie zum Termin beim Gesundheitsamt zur Blutabnahme.“ Nach der Untersuchung könne eine weitere Behandlung erfolgen. Zum Schluss gibt sie ihm Medikamente mit. Die Ambulanz behandele mehr als 1.300 Menschen im Jahr bei mehr als 8.000 Besuchen, erklärt die Leiterin. Rund die Hälfte der Besucher habe kein Einkommen und keine Unterkunft, 70 Prozent seien nicht krankenversichert. Das durchschnittliche Alter der 31 Patienten, die 2024 starben, habe bei 54 Jahren gelegen.

An diesem Vormittag sprechen weitere Patienten vor: Einer kommt mit einer verbundenen Hand und einem schwer verletzten Finger, ein anderer hinkt mit einer Beinmanschette, er lässt das gebrochene Bein untersuchen, waschen und neu verbinden. Ein Patient lässt sich Klammern von einer Kopfwunde ziehen und gegen Tetanus und Diphtherie impfen.
Caritas-Straßenambulanz gibt kranken Menschen wieder Hoffnung
Ein Mann mit dunkelblauer Fleecejacke, Jeans, Baseballkappe und Rucksack kommt mit dem Rollator. „Die Schmerztabletten haben nicht geholfen, die will ich weglassen“, sagt er. Die Ärztin misst den Blutdruck: „Der sieht heute gut aus!“ „Vielleicht hat die Pflegekraft meinen Blutdruck hochgetrieben“, erwidert der Patient verschmitzt. „Ich komme seit zehn Jahren hierher, ich fühle mich hier gut aufgehoben“, erzählt der Mann. „In einer normalen Arztpraxis werde ich blöd angeguckt.“ Er sei früher obdachlos gewesen: „In einer Arztpraxis haben die Angst vor mir, ich bin mir wie separiert vorgekommen.“
Die 14 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie ehrenamtliche Arztdienste decken die Allgemeinmedizin ab, Chirurgie, Zahnmedizin, Psychiatrie, Pflege und Physiotherapie. Hauswirtschafterinnen kümmern sich um die Wäsche und die Kleiderkammer. Am Tag kommen durchschnittlich über 30 Patienten, berichtet die Gesundheits- und Krankenpflegerin Ann-Kathrin Kolb. „Die Patienten kommen aus der ganzen Welt, von Deutschland bis Brasilien und China.“
80 Prozent seien Männer, rund die Hälfte der Patienten stamme aus EU-Ländern. „Sie sind zur Arbeit hergekommen, haben dann keinen Vertrag mehr oder wurden vor die Tür gesetzt.“ Rund 70 Prozent der Patienten hätten zumindest Erfahrung mit Alkoholsucht, viele seien früh gealtert: „40-Jährige sind gebrechlich wie 70-Jährige.“
Ärztin der Straßenambulanz fordert mehr politische Hilfe
Ärztin Goetzens ist seit der Gründung der Ambulanz durch die Missionsärztlichen Schwestern 1993 dabei. „Die Menschen haben mich gelehrt, das Evangelium anders zu lesen“, erzählt sie. „Sie schenken Vertrauen, wo ich erst mal denke, das ist doch nicht möglich.“ Angesichts der sozialen Ungleichheit sei sie gesellschaftskritischer geworden: „Wir können nicht zusehen, wenn Menschen verwahrlosen.“ Die Politik müsse die Not von Wohnungslosen stärker in den Blick nehmen.

„Ein guter Tag war, wenn keiner gestorben ist und alle Patienten versorgt werden konnten“, sagt die Leiterin. Auch dann, wenn Menschen die Arbeit unterstützten, durch Mitarbeit, Kleidungs- oder Geldspenden. Die Ambulanz müsse jährlich 250.000 Euro an Spenden einwerben: „Die Krankenkassen bezahlen fast nichts.“ Ein guter Tag sei auch, wenn jemand auf die oft verdeckte Realität hinweise: „Viel mehr Menschen bräuchten Hilfe, als wir bedienen können.“
Sie selbst möchte die Ambulanz nicht missen. „Die Not von Menschen, die ohne Krankenversicherung sind, hat mich nicht in Ruhe gelassen“, bekennt die Ärztin und Nonne. „Dass Menschen, die körperlich und seelisch sehr verletzt sind, den Mut haben, hierherzukommen, beglückt mich täglich.“
