Leiden und Sterben Jesu als Theater 

Oberammergau mag für sein Passionsspiel am berühmtesten sein, doch das Leben und Sterben Jesu wird in vielen Orten Europas inszeniert. Was macht es so attraktiv für die Bühne?

München. Jesus, seine Lebens- und Leidensgeschichte – ein unerschöpfliches Thema: Über den Mann aus Nazareth wurden unzählige Filme gedreht, und Andrew Lloyd-Webber machte ihn mit Tim Rice in seiner Rockoper gar zum „Superstar“. Bis heute gibt es europaweit Passionsspiele an 70 Orten, die im Verbund Europassio zusammengeschlossen sind. Neben Oberammergau ist auch das österreichische Erl für seine Aufführungen überregional bekannt. In manchen Gemeinden mag die Tradition eingeschlafen sein, doch andere Orte belebten den Brauch wieder neu – durchaus im modernen Gewand.

Was fasziniert so an diesem geistlichen Schauspiel? Ist es reines Spektakulum oder eine sinnvolle Form der Verkündigung? Damit hat sich in München eine Tagung der Katholischen Akademie beschäftigt. Bereits seit dem hohen Mittelalter gibt es Passionsspiele. Sie seien geradezu ein Massenphänomen gewesen, berichtete der Augsburger Literaturprofessor Klaus Wolf. Jedoch fanden sie nicht auf dem flachen Land statt, sondern in den großen Residenz- oder Reichsstädten wie Worms oder Wien.

Bergpredigt auf dem Bierfass

Habsburger, Wittelsbacher und andere Adelsfamilien steckten Geld in die frommen Aufführungen. In der Regel auf öffentlichen Plätzen ließen sich die bessere Gesellschaft, Kirchenmänner und das Volk die Aufführungen darbieten – etwa vor dem Römer in Frankfurt am Main. Dort, wo sich heute die Menschen versammeln, wenn es einen Erfolg der deutschen Fußballnationalmannschaft zu bejubeln gilt, verkündete Jesus einst von einem hölzernen Bierfass herab die Bergpredigt. Während der Herr mit den Jüngern das Abendmahl feierte, ließen sich die Zuschauer im Frühsommer Rotwein und frische Kirschen schmecken.

Für die Holzkreuze fand sich im Anschluss vor den Toren der Stadt eine neue Verwendung. Als Mahnmal wurden sie auf dem „Galgenfeld“, der städtischen Hinrichtungsstätte, aufgestellt, so Wolf. Und weil mit Passionsspielen immer die Gefahr verbunden gewesen sei, dass es zu antijüdischen Übergriffen durch die christliche Bevölkerung kommt, bauten die Stadtverantwortlichen vor. Das Tor zum „Judenviertel“ wurde aus Sicherheitsgründen verriegelt, wie Wolf erläuterte. In den meisten Fällen seien die Darbietungen eine andere Form von Unterhaltung und Gottesdienst gewesen, bei denen am Ende alle etwa „Christ ist erstanden“ mitsangen.

1770 war in Bayern erstmal Schluss mit den Passionsspielen, wie Experte Manfred Knedlik erläuterte. Nicht nur die weltliche, sondern auch die kirchliche Seite sprach ein Verbot aus. Fromme Spiele passten nicht zur neuen Nüchternheit der Aufklärung. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam es zu einem Wiederaufblühen, oft aber nur kurz. Gehalten hat sich die Tradition in Waal bei Buchloe, im 20. Jahrhundert folgten in der Oberpfalz Gemeinden wie Neumarkt und Tirschenreuth, in Niederbayern Perlesreuth und in Unterfranken Sömmersdorf.


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Für die Darstellerinnen und Darsteller sei das Spielen stets eine „tiefe geistliche Erfahrung“, von der sie sich erhofften, dass vielleicht auch ein kleiner Funke auf Publikum überspringen möge, meinte Knedlik. Der Münchner Pastoraltheologe Ludwig Mödl, seit 2000 theologischer Berater für Oberammergau, verwies darauf, dass sich die Fragestellungen längst verschoben hätten – zuletzt durch die Pandemie-Erfahrung und den Ukraine-Krieg. Weil das Passionsspiel die Botschaft von Leiden, Tod und Auferstehung Jesu den Menschen als bestärkendes Ereignis vermitteln wolle, müsse es die Ängste und Hoffnungen von heute aufgreifen.

Warum die Kirche Kunst braucht

Dies habe Spielleiter Christian Stückl, der seit 1990 für die Oberammergauer Passion verantwortlich zeichnet, immer wieder getan, so Mödl. Die jetzige Inszenierung verdeutliche wichtige Elemente der Botschaft Jesu nicht nur für christlich sozialisierte Menschen, sondern auch für kirchenferne und nichtchristliche Zuschauer. Das Inszenierte müsse im Kern stimmen und auch mit dem Leben zusammenhängen. Mödl kritisierte, dass die augenblickliche Liturgie in der katholischen Kirche zu wenig theatralische Elemente habe, man habe sich zunehmend auf das Wort konzentriert. „Wir können vom Glauben nicht anders sprechen als literarisch, musikalisch, mit allen Sinnen vermittelnd: „Die Kirche braucht Kunst, und wenn wir die Kunst nicht haben, werden wir eine Sekte.“ (KNA)