Lehrer rettet mit Schülern marode Kirche

Gemeinsam mit seinen Schülern hat ein Lehrer aus Hamburg eine Kirche in Mecklenburg-Vorpommern wieder aufgebaut – in jahrzehntelanger Arbeit. Dafür ist Volker Wolter jetzt belohnt worden: mit dem Bundesverdienstkreuz.

Hamburg / Müsselmow. Die Idee kam ihm bei einer Fahrt in die Toskana. Dort lernte der Hamburger Lehrer Volker Wolter Schüler kennen, die alte Gebäude restaurierten. Zufällig sah er dann den Dokumentarfilm „Dorfkirchen in Not“, der von 148 Kirchen in Mecklenburg-Vorpommern berichtete, die nicht mehr genutzt werden konnten. Er beschloss, in einem Projekt einer kleinen Kirche zu helfen, und zwar gemeinsam mit seinen Schülern vom Grootmoor-Gymnasium in Bramfeld.
Zunächst machte Wolter sich auf die Suche nach einem geeigneten Objekt und fragte beim Oberkirchenrat in Schwerin an, ob man ihm ein ruinöse Kirche nennen könnte. Die Mitarbeiter schlugen ihm die Kirche in Müsselmow bei Schwerin vor, in der man nichts mehr falsch machen könnte, weil ihr Zustand ohnehin schon ruinös war. Und ihm wurde auch ehrlich gesagt, dass er keine finanzielle Unterstützung erwarten könne.

Erst den Friedhof hergerichtet

Doch Wolter ließ sich nicht abschrecken. Im Advent 1996 fuhr er das erste Mal nach Müsselmow. Es muss ein trostloser Anblick gewesen sein: Der Efeu auf dem Kirchendach wuchs wild. Immerhin war 1992 dank der Hilfe der bayerischen Partnerkirche ein Traggerüst eingebaut worden, mit dem der marode Dachstuhl und das dicke Efeudach abgestützt wurden. Der Friedhof an der Kirche war komplett zugewachsen. Der letzte Gottesdienst wurde dort in den 1950er-Jahren gefeiert, 1968 wurde die Kirche ausgeräumt.

So schlimm es auch aussah: Volker Wolter (Foto) hatte eine Vision. Diese Kirche solle einmal ein Jugendbegegnungszentrum werden. Kurz darauf wurde die „Patenschaft Müsselmower Kirche e. V.“ unter Vorsitz von Volker Wolter gegründet.
Im Sommer 1997 fuhr er mit seinen Schülern zu Arbeitseinsätzen auf den Friedhof. Wildwuchs wurde beseitigt, die noch vorhandenen Grabsteine wurden wieder aufgestellt. Anschließend begannen die Jugendlichen mit den Arbeiten an der Kirche.
Im Laufe der Jahre erweiterte Volker Wolter den Kreis der Schüler aus seinen Leistungsklassen und begeisterte auch andere Lehrer für die Kirche im Osten. Zeitweise konnte er weitere Gymnasien einbeziehen. Hinzu kamen Schüler und Lehrer der Hamburger Gewerbeschule 8. Eine Berufsschule, an der Zimmerer ausgebildet wurden, konnte er für den Bau des Dachstuhls gewinnen, für die Finanzierung von Holz und Dachsteinen fand Wolter Sponsoren. In knapp 20 Jahren halfen mindestens 1500 Schüler, die Kirche zu retten.

Lehrer Wolter "ein Vorbild"

Am Tag der Deutschen Einheit 1999 konnte nach Abschluss der Außenarbeiten der erste Gottesdienst nach mehr als 40 Jahren in der Kirche gefeiert werden. Die Schüler und einige Eltern kamen mit Bussen aus Hamburg. Eine eigene Hymne, komponiert von Musikschülern des Gymnasiums Grootmoor, wurde aufgeführt. 2002 folgte der Aufbau der bereits 1982 abgetragenen Sakristei für die spätere Nutzung als Teeküche, Heizraum und Toilette. Beim Innenausbau kamen internationale Schülergruppen den Gymnasiasten und Berufsvorbereitungsschülern zur Hilfe.
Volker Wolter, inzwischen Schulleiter am Gymnasium Rahlstedt, ließ sich nie entmutigen – „für uns beispielhaft und ein Vorbild“, sagte Kirchenbaurat Karl-Heinz Schwarz aus Schwerin im Hamburger Rathaus bei der Verleihung des Bundesverdienstordens. Hamburgs Schulsenator Ties Rabe fügte hinzu: Wolter habe unzähligen Schülern zu abenteuerlichen Sommern verholfen, ihnen sinnvolle Tätigkeit geboten, ihnen Selbstständigkeit und jede Menge Selbstwertgefühl gegeben.