Zu wenig Geistliche

Landeskirche im Pastoren-Dilemma

Immer mehr Gemeinden in der Landeskirche Hannovers stöhnen, weil sie ohne Pastor auskommen müssen. Schuld sind Pensionierungen. Ein Ende dieses Dilemmas ist nicht in Sicht.

Hier erbittet noch die Pastorin Gottes Segen

von Sven Kriszio

Hannover/Flachsmeer. Sie organisiert die Gottesdienste und leitet den Kirchenvorstand, sie beantwortet Anfragen an die Gemeinde und führt die Mitarbeitergespräche, auch Unterschriften leistet sie. Doch Christine Weisheit ist gar nicht die Pastorin, sondern eigentlich „nur“ die Vorsitzende des Kirchenvorstands. Dass die Ehrenamtliche trotzdem annähernd sämtliche Aufgaben eines Gemeindepastors übernommen hat, ist der Vakanz in der Kirchengemeinde Flachsmeer in Ostfriesland geschuldet: Seit mehr als einem halben Jahr ist kein Nachfolger in Sicht, obwohl die Stelle bereits zweimal bundesweit ausgeschrieben war.

„Die gesamte Organisation der Gemeindearbeit liegt nun in der Hand von uns Ehrenamtlichen“, stellt die selbstständige Rechtsanwältin und Notarin fest. „Das ist eine Zumutung“, sagt sie nüchtern. Einen Tag in der Woche müsse sie für diesen Dienst opfern. „Ich habe die Aufgabe zwar freiwillig und gern übernommen, aber jahrelang möchte ich das nicht machen.“

Flachsmeer ist nur ein Beispiel von vielen im Bereich der Landeskirche Hannovers. „Die Zahl der Vakanzen liegt gegenwärtig bei rund 75“, sagt Oberlandeskirchenrätin Nicola Wendebourg. „Im Vergleich der letzten zwei Jahre ist eine moderate Steigerung zu beobachten“, so die Leiterin des Personalreferats der Landeskirche Hannovers weiter. Wendebourg rechnet damit, dass es in Zukunft sogar noch schwieriger wird, freie Pfarrstellen zu besetzen. Vor allem auf dem Land.

Ausmaß unterschätzt

Auf der jüngsten Landessynode beschwerte sich der Kirchenamtsleiter für die Kirchenkreise Leer, Emden und Rhauderfehn, Carsten Wydora, über diesen Zustand. Vor der Synode sprach der Synodale aus Ostfriesland von einem „Notstand“, der dringend gelöst werden müsse.

Die Landeskirche Hannovers hat diese Entwicklung zwar vor etlichen Jahren erkannt, aber in ihrem Ausmaß wohl unterschätzt. Vor Jahren wurde eine Pfarrstelle eingerichtet, die Werbung für das Theologie-Studium machen und für bessere Rahmenbedingungen im Pfarrberuf sorgen sollte. Derzeit zählt die Landeskirche 280 Theologie-Studenten und 74 Vikare – viel zu viel wenig, um die derzeit rund 2100 Pfarrstellen nachzubesetzen. „Jedes Jahr werden mehr Pastoren in den Ruhestand gehen, als neue ihren Dienst beginnen“, so Wendebourg. Auch durch eine Umverteilung zwischen übergemeindlichen Pfarrstellen und Gemeindepfarrstellen lasse sich die Lücke kaum schließen. Die Landeskirche hat deswegen einen Prozess ins Leben gerufen, um das Berufsbild des Pfarrers den aktuellen Bedürfnissen besser anzupassen. So könnten „Pfarrassistenten“ künftig Verwaltungsaufgaben übernehmen. An diesem Prozess „Pfarrberuf 2030“ seien viele beteiligt, und das brauche Zeit, so Wendebourg.

Christine Weisheit im ostfriesischen Flachsmeer sieht die Landeskirche jetzt in der Pflicht. „Mir fehlt die Wertschätzung. Die Unterstützung durch die Landeskirche ist sehr, sehr schlecht.“

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