Krankenkasse: Neuer Wirkstoff gegen Alzheimer hat begrenzten Nutzen

Neue Wirkstoffe gegen Alzheimer sorgen für große Hoffnungen. Doch Experten warnen. Sie verweisen auf Nebenwirkungen und zeitlich begrenzte Wirksamkeit.

Krankenkassen und Gesundheitsexperten warnen vor überzogenen Erwartungen an einen neuen Wirkstoff zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit. "Das Arzneimittel ist keine Wunderwaffe, die Alzheimer heilt", erklärte der Vorstandsvorsitzende der Techniker Krankenkasse, Jens Baas, am Montag in Hamburg mit Blick auf den Wirkstoff Lecanemab. "Die Aussicht einer neuen Behandlungsmöglichkeit in der Alzheimer-Krankheit lässt Hoffnungen wachsen. Ein kluges Erwartungsmanagement kann dazu beitragen, allzu große Enttäuschungen zu verhindern."

Die Techniker Kasse äußerte sich mit Blick auf den Amyloid-Antikörper Lecanemab (Produktname Leqembi), für den Experten mit einer baldigen Zulassung der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) rechnen. Allerdings musste Lecanemab mehrere Zulassungsrunden durchlaufen. Am Freitag hatte die EMA für den Antikörper Donanemab keine Zulassungsempfehlung ausgesprochen. Der Nutzen sei bei diesem Wirkstoff nicht groß genug, um die potenziell lebensgefährlichen Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen.

Mit Blick auf Lecanemab erklärte die Techniker Krankenkasse, zwar stelle die Therapie einen Fortschritt dar, da sie womöglich in den Verlauf der Krankheit eingreife und nicht nur ihre Symptome beeinflusse. "Eine Behandlung mit dem neuen Wirkstoff Lecanemab ist nach aktuellem Forschungsstand aber nur im Frühstadium sinnvoll", sagte Baas. "Menschen mit bereits fortgeschrittener Alzheimer-Krankheit kommen für diese Therapie derzeit nicht infrage."

Nach Einschätzungen von Expertinnen und Experten ist der neue Wirkstoff nur bei etwa zehn Prozent der an Alzheimer erkrankten Menschen einsetzbar. Zugleich zeige die Datenlage, dass das Medikament das Fortschreiten der Erkrankung nur geringfügig für einen Zeitraum von einigen Monaten verlangsame, so Baas. In Deutschland leben rund zwei Millionen Menschen mit Demenz - zwei Drittel davon mit der speziellen Form Alzheimer. Die Betroffenen verlieren dabei allmählich ihre geistigen Fähigkeiten.

Der Unparteiische Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen (G-BA), Josef Hecken, verweist im Alzheimer-Report der Kasse darauf, dass viele Menschen nicht mit dem Medikament behandelt werden könnten, weil sie bestimmte genetische Faktoren, Vorerkrankungen wie Bluthochdruck oder Unverträglichkeiten gegenüber Blutverdünnern hätten, bei denen eine Behandlung ausgeschlossen sei. Hinzu komme, dass die Therapie mit erheblichen Risiken und Nebenwirkungen wie Hirnschwellungen oder Hirnblutungen einhergehen könne, was eine engmaschige Überwachung erfordere.

Hecken betonte, das Gesundheitssystem werde vor der großen Herausforderung stehen, aus der Vielzahl der demenziell Erkrankten diejenigen zu identifizieren, die für diese Therapie infrage kämen. Hausärztinnen und Hausärzten komme dabei eine Schlüsselrolle zu.

Nach Einschätzung von Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, ist das Medikament trotz kleiner Zielgruppe und beschränkter Wirkung ein Schritt nach vorn. "Medizinischer Fortschritt ist oftmals ein mühsamer Weg von zahlreichen Mini-Schritten." Es gebe aber auch für Patientinnen und Patienten, bei denen das neue Medikament nicht angewendet werden könne, alternative Optionen. Für diesen Personenkreis sollten die behandelnden Ärztinnen und Ärzte das Potenzial präventiver Maßnahmen optimal ausnutzen. "Bei leichten kognitiven Einschränkungen durch Alzheimer hilft ein Lebensstil mit körperlicher und geistiger Aktivität, gesunder Ernährung, Verzicht auf Nikotin und Alkohol sowie die Therapie vaskulärer Risikofaktoren. Wichtig sind auch die Korrektur von Hör- und Sehstörungen sowie regelmäßige soziale Kontakte."

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