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Konfirmanden verlesen die Namen von NS-Opfern

Peter Hofmann war etwa zehn Jahre alt, als er erfahren hat, wie viele Juden die Nazis grausam ermordet haben. „In den Zeitungen wurde 1945 über die Nürnberger Prozesse berichtet“, erinnert sich der heute 89-Jährige. Das Thema hat ihn nie wieder losgelassen. Als Mitglied der Kantorei der Dreikönigskirche und der Frankfurter Kantorei hat er viele Reisen unternommen. Gemeinsam mit seiner Frau Waltraut war er 1979 erstmals in Israel, 1986 in Auschwitz. Die beiden waren bei ungezählten Stolpersteinverlegungen dabei und gehören seit vielen Jahren der Gedenkgruppe der Dreikönigsgemeinde in Frankfurt am Main an.

Viele Kirchengemeinden laden aus Anlass des Holocaust-Gedenktags am 27. Januar zu Gottesdiensten ein. In der Frankfurter Dreikönigsgemeinde im Stadtteil Sachsenhausen organisiert diesen Gottesdienst eine Gedenkgruppe, die sich bereits 2010 gegründet hat. Den Anlass dazu hätten die ersten Stolpersteinverlegungen für Christen jüdischer Herkunft im Stadtteil gegeben, erinnert sich die damalige Gemeindepädagogin Natascha Schröder-Cordes. Die Gruppe habe unter anderem Stolpersteine für verfolgte und ermordete Menschen aus der Gemeinde auf den Weg gebracht und die Konfirmanden in das Gedenken einbezogen.

Die Rolle der Kirche im Zweiten Weltkrieg sowie das Schicksal von Juden und Christen jüdischer Herkunft in der Dreikönigsgemeinde sind Teil des Konfirmandenunterrichts. Während des Gedenkgottesdienstes zünden die Jugendlichen 27 Kerzen an, 26 für einzelne Opfer der Nationalsozialisten aus der Gemeinde und eine Kerze für alle Opfer gemeinsam.

Waltraut und Peter Hofmann schätzen die Einbeziehung der Konfirmanden. Sie wollen die Erinnerung an die Verfolgung und millionenfache Ermordung von Juden wachhalten. Damit „das nie wieder passiert“, müsse die Jugend wissen und verstehen, was damals geschehen ist.

Ebenfalls im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen liegt die Schillerschule. Ganz in der Nähe der Schule befindet sich der Platz der vergessenen Kinder. Dort steht seit 2017 ein Mahnmal, das an ein jüdisches Kinderhaus erinnert. Die Gestapo hat die Kinder 1942 deportiert. Prabhlin Birdi besucht die Oberstufe der Schillerschule. Die 18-Jährige hat gemeinsam mit einer kleinen Gruppe in diesem Jahr für die Schule ein Gedenken organisiert. Im Foyer werde eine Kerze stehen, Stellwände erinnerten an verfolgte und ermordete jüdische Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte stünden für Fragen bereit.

Prabhlin Birdi ist das wichtig. Im vergangenen Jahr sei ihr der Gedenktag erst bewusst geworden, als ein Lehrer ihn in der fünften Stunde zum Thema gemacht hatte. Niemand in ihrem Umfeld hatte zuvor daran gedacht. In den Sozialen Medien gebe es massenhaft Judenwitze, Adolf Hitler werde verharmlost und auf dem Schulhof habe sie einmal gehört, dass ein Schüler einen anderen als „Scheißjude“ beschimpfte. „Das geht überhaupt nicht“, betont sie. Hier in Deutschland gehe die Vergangenheit alle an, deshalb müsse der Gedenktag zum Erinnern genutzt werden.

Peter Hofmann erinnert sich an seinen Patenonkel, der Jude war. Im November 1936 habe der Pfarrer der Dreikönigskirche, ein Mitglied der Bekennenden Kirche, eine Haustaufe abgehalten und den Namen des Paten nicht in die Kirchenbücher eingetragen, damit die Gestapo nicht aufmerksam wurde, erzählt Hofmann. Der Onkel emigrierte und überlebte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg sei wenig über Politik gesprochen worden, erzählt Hofmann. Als er bereits ab 1952 mit der Kantorei der Dreikönigskirche Konzertreisen nach Italien, Spanien und Frankreich unternahm, sei den jungen Leuten vor der Abfahrt eingeschärft worden, vorsichtig zu sein. Es sollte auf keinen Fall jemand einen Spruch wie „mit Hitler war nicht alles schlecht“ oder „damals gab es wenigstens keine Arbeitslosen“ fallen lassen. Sowohl die jungen Sängerinnen und Sänger als auch die Organisatoren hätten Proteste gegen den deutschen Chor befürchtet.

Die Ängste waren unbegründet. Auch später in Israel seien sie nicht angefeindet worden, ergänzt Waltraut Hofmann, im Gegenteil: „Sobald wir irgendwo eine Karte ausgepackt und einen Weg gesucht haben, hat jemand gefragt, ob er helfen kann.“ Häufig seien sie auch sehr freundlich auf Deutsch angesprochen worden. „Für uns war das eine ganz große Sache“, sagt Waltraut Hofmann noch heute dankbar.