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Kleine Gesten, große Wirkung: Wie Sie Menschen mit Behinderung im Alltag unterstützen können

Berlin ist eine vielfältige Stadt – doch wie inklusiv ist unser Alltag wirklich? Oft sind es kleine Gesten und ein bisschen Aufmerksamkeit, die den Unterschied machen.

Pixabay / Klimkin

Inklusion beginnt nicht in großen politischen Debatten, sondern im alltäglichen Miteinander. In der U-Bahn, im Supermarkt, auf dem Bürgersteig. Doch viele Menschen sind unsicher: Wie begegne ich Menschen mit Behinderung respektvoll? Darf ich Hilfe anbieten? Was ist dabei zu beachten?

Unsicherheit ist menschlich – und überwindbar

Die gute Nachricht vorweg: Unsicherheit in Begegnungen mit Menschen mit Behinderung ist völlig normal. Viele Menschen haben im Alltag wenig Berührungspunkte mit dem Thema Behinderung und fürchten, etwas falsch zu machen. Doch genau diese Sorge führt oft dazu, dass wir gar nicht erst handeln – und damit Chancen verpassen, anderen zu helfen und Barrieren abzubauen.

Der wichtigste Grundsatz: Behandeln Sie Menschen mit Behinderung so, wie Sie selbst behandelt werden möchten – mit Respekt, auf Augenhöhe und ohne Bevormundung.

Selbstbestimmung als Grundrecht

Menschen mit Behinderung haben ein gesetzlich verankertes Recht auf Teilhabe und ein selbstbestimmtes Leben – verankert im Bundesteilhabegesetz und der UN-Behindertenrechtskonvention. In der Praxis bedeutet das: Viele Menschen mit körperlichen Einschränkungen leben heute mit Unterstützung von persönlichen Assistenten in den eigenen vier Wänden, gehen arbeiten, studieren oder gestalten ihre Freizeit aktiv. Berliner Assistenzdienste ermöglichen mit professioneller Begleitung rund um die Uhr diese Selbstständigkeit. Doch auch im Alltag auf der Straße, in Geschäften oder in öffentlichen Verkehrsmitteln sind kleine Hilfestellungen wichtig – wenn sie respektvoll angeboten werden.

Die Kunst des Helfens: Fragen statt Handeln

Eines der häufigsten Missverständnisse im Umgang mit Menschen mit Behinderung: Gut gemeinte Hilfe wird einfach übergestülpt, ohne zu fragen. Jemand schiebt ungefragt den Rollstuhl, fasst einen Blindenführhund an oder spricht über den Kopf einer Person im Rollstuhl hinweg mit deren Begleitung.

Die Lösung ist einfach: Bieten Sie Hilfe an – aber warten Sie auf die Antwort. Ein freundliches “Kann ich Ihnen helfen?” oder “Benötigen Sie Unterstützung?” zeigt Respekt und lässt der Person die Entscheidung. Und wenn die Antwort “Nein, danke” lautet? Dann ist das völlig in Ordnung. Menschen mit Behinderung haben oft eigene Strategien entwickelt und wissen am besten, was sie brauchen.

Kommunikation auf Augenhöhe

Im Gespräch mit Rollstuhlfahrern gilt: Gehen Sie nach Möglichkeit in die Hocke oder setzen Sie sich, um Blickkontakt auf gleicher Höhe zu halten. Das mag zunächst ungewohnt wirken, macht das Gespräch aber für beide Seiten angenehmer.

Sprechen Sie Menschen mit Behinderung direkt an – nicht deren Begleitperson. Auch wenn jemand im Rollstuhl sitzt oder eine Sprachbehinderung hat: Die Person ist voll geschäftsfähig und kann für sich selbst sprechen.

Bei Menschen mit Hörbehinderung hilft es, langsam und deutlich zu sprechen (aber nicht zu laut zu werden) und Blickkontakt zu halten. Viele Menschen können von den Lippen ablesen. In lauten Umgebungen kann es hilfreich sein, aufzuschreiben, was Sie sagen möchten.

Alltagssituationen meistern

Im öffentlichen Nahverkehr: Machen Sie Platz, wenn jemand mit Rollstuhl, Rollator oder Kinderwagen einsteigen möchte. Halten Sie die Tür auf. Bieten Sie an, schweres Gepäck in die Bahn zu heben. In Berlin sind U- und S-Bahnen zwar weitgehend barrierefrei, doch der Spalt zwischen Bahnsteig und Zug kann für Rollstuhlfahrer zur Herausforderung werden.

Auf Gehwegen: Achten Sie darauf, dass Gehwege frei bleiben. Abgestellte E-Scooter, Fahrräder oder Werbeschilder können für Menschen mit Rollstuhl oder Sehbehinderung zu unüberwindbaren Hindernissen werden. Ein kurzer Handgriff – das Beiseiteräumen eines Hindernisses – kann einen großen Unterschied machen.

In Geschäften und Restaurants: Wenn Sie bemerken, dass jemand Schwierigkeiten hat, ein Produkt aus einem hohen Regal zu erreichen oder eine Tür zu öffnen, bieten Sie Ihre Hilfe an. Viele Berliner Cafés und Restaurants sind noch nicht vollständig barrierefrei – ein aufmerksamer Blick und eine helfende Hand können hier viel bewirken.

Was Sie vermeiden sollten

So wichtig Hilfsbereitschaft ist – es gibt auch No-Gos im Umgang mit Menschen mit Behinderung:

  • Fassen Sie niemals ungefragt einen Rollstuhl an. Der Rollstuhl ist Teil der persönlichen Sphäre.
  • Streicheln oder ablenken Sie keinen Assistenzhund. Diese Tiere arbeiten und brauchen ihre volle Konzentration.
  • Vermeiden Sie Mitleid oder übertriebenes Lob. Sätze wie “Sie sind so tapfer” oder “Ich könnte das nicht” sind gut gemeint, aber oft verletzend. Menschen mit Behinderung führen ein normales Leben – mit allen Höhen und Tiefen.
  • Sprechen Sie nicht in Babysprache oder vereinfachter Sprache, es sei denn, Sie wissen, dass die Person kognitive Einschränkungen hat.

Barrierefreiheit mitdenken

Inklusion bedeutet auch, im eigenen Umfeld auf Barrierefreiheit zu achten. Wenn Sie eine Veranstaltung organisieren, einen Laden betreiben oder ein Restaurant führen: Denken Sie an Rampen, breite Türen, rollstuhlgerechte Toiletten und gute Beleuchtung. Stellen Sie Informationen auch in Leichter Sprache zur Verfügung.

Auch digital zählt Barrierefreiheit: Websites sollten für Screenreader optimiert sein, Videos Untertitel haben. Für Menschen mit Behinderung, die Unterstützung bei der Nutzung digitaler Angebote oder bei Behördengängen benötigen, gibt es in Berlin zahlreiche Beratungsangebote und Anlaufstellen. Berlin wird nur dann eine wirklich inklusive Stadt, wenn alle mitdenken.

Fazit: Jeder kann etwas tun

Inklusion ist kein abstraktes Konzept, sondern gelebte Praxis. Es sind die kleinen Gesten, die zählen: Eine Tür aufhalten. Nachfragen, ob Hilfe benötigt wird. Ein Hindernis aus dem Weg räumen. Auf Augenhöhe kommunizieren.

Berlin ist eine Stadt der Vielfalt – machen wir sie gemeinsam zu einer Stadt, in der diese Vielfalt auch gelebt wird. Denn am Ende profitieren wir alle von einer inklusiveren Gesellschaft: Sie ist bunter, offener und menschlicher.