Die Aufarbeitung und Prävention von sexuellem Missbrauch ist nach Einschätzung der pfälzischen Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst eine bleibende Aufgabe für die evangelische Kirche. Dies sei „kein Projekt, das irgendwann abgeschlossen ist“, sagte Wüst, die kirchliche Sprecherin des Beteiligungsforums Sexualisierte Gewalt in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Diakonie, in Speyer. „Wir sind weiter, es gibt aber immer noch sehr viel zu tun.“ Vor zwei Jahren hatte ein unabhängiges Forscherteam die ForuM-Studie veröffentlicht, die eine Grundlage für die Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt in Kirche und Diakonie legte.
Missbrauch muss Teil kirchlicher Lernprozesse sein
In der Kirche sei mit Blick auf den Umgang mit Missbrauch ein „Kulturwandel, eine Haltungsänderung“ nötig, appellierte Wüst. Dies habe die Studie deutlich gemacht. Viele Menschen in Kirchenleitungen, Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen stellten sich zwar ihrer Verantwortung. Andere setzten sich aber weiterhin nicht mit Missbrauch auseinander oder meinten, dies nicht tun zu müssen. „Das Thema muss in die DNA von Kirche und Diakonie“, fordert dagegen die Kirchenpräsidentin.
Kirchliche Einrichtungen wie Kirchengemeinden oder Kitas müssten eigene Konzepte entwickeln, um Missbrauch zu vermeiden und Menschen Schutz zu bieten, sagte Wüst. Dabei gehe es darum, Gefährdungspotenziale oder „unsichere Räume“ zu beseitigen sowie Betroffene wahrzunehmen. Zur Unterstützung seien in der Pfälzer Kirche etwa Multiplikatorinnen ausgebildet worden.
Wüst betont transparente Weitergabe von Missbrauchsfällen
Wüst trat Kritik aus Gesellschaft und Medien entgegen, die evangelische Kirche verhindere eine ernsthafte Aufarbeitung von Missbrauch. Ein „ausgewogener Blick“ auf das Thema sei nötig: Alle Akten zu strafrechtlich relevanten Fällen würden den Staatsanwaltschaften übermittelt. Leider gebe es aber keine staatlichen Standards oder Stellen für die Aufarbeitung von Missbrauch, bedauerte Wüst. Die Kirchen würden unverzüglich ihre Fälle abgeben, gerade um den Eindruck zu verhindern, „etwas vertuschen oder verzögern zu wollen“.

Bei allen kirchlichen Entscheidungsprozessen seien zudem Betroffene eingebunden, betonte die Kirchenpräsidentin. Neun unabhängige regionale Kommissionen zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt (URAKs) hätten im vergangenen Jahr ihre Arbeit aufgenommen. Zudem seien Fachstellen für Betroffene in den einzelnen Landeskirchen personell deutlich besser ausgestattet worden.
Ein großer Schritt in die richtige Richtung sei die bundesweit einheitliche Regelung der Anerkennungsverfahren, stellte Wüst fest. Die im vergangenen Jahr vom Rat der EKD beschlossene Anerkennungsrichtlinie sei in sieben regionalen Verbünden bereits zu Jahresbeginn in Kraft getreten und solle schließlich flächendeckend für alle 20 Landeskirchen und 17 Diakonieverbände gelten. Damit trage die Kirche der Forderung der ForuM-Studie nach mehr Einheitlichkeit und Standardisierung Rechnung.
EKD richtet Ombudsstelle für Betroffene von Missbrauch ein
Wüst zeigte Verständnis dafür, dass Betroffenen die Aufarbeitung von Missbrauch in Kirche und Diakonie nicht schnell genug gehe. Die föderalen Strukturen hinderten diese zwar nicht, führten aber zu zeitaufwendigen Abläufen, die für betroffene Personen oft nicht nachvollziehbar seien. Einer weiteren Empfehlung der ForuM-Studie komme die EKD mit der Einrichtung einer zentralen Ombudsstelle nach. An diese könnten sich Betroffene im Konfliktfall mit regionalen Stellen wenden. Auch in die Novellierung der Gewaltschutzrichtlinie sollten viele Empfehlungen der Studie aufgenommen werden.
