Steigende Beiträge zum Jahresbeginn: Kassenärztechef Gassen fordert eine offene Debatte. Er sieht Kürzungen als unausweichlich – hat aber auch Alternativ-Vorschläge.
Kassenärztechef Andreas Gassen hat angesichts der zum Jahresbeginn teils deutlich gestiegenen Kassenbeiträge eine “ehrliche Diskussion” über die Bezahlbarkeit des Gesundheitswesens gefordert. “Wenn wir nicht Leistungen aus dem Katalog der gesetzlichen Krankenversicherung streichen, ist keine substanzielle Ausgabensenkung möglich”, sagte der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung der “Neuen Osnabrücker Zeitung”.
Er verwies auf die Gesundheitssysteme anderer Länder: “Die leisten viel weniger, aber auch dort sterben die Menschen nicht unbedingt früher”, sagte er und ergänzte: “In England bekommen Sie mit 70 Jahren eben keine neue Hüfte mehr. In Schweden muss die Zahnversorgung selbst bezahlt werden. Psychotherapie gibt es sonst nirgendwo in der gesetzlichen Krankenversicherung.”
Deutschland habe “den weltweit umfassendsten Leistungskatalog für gesetzlich Versicherte”, sagte Gassen. Das sei ein “hohes Gut”, das es aber nicht zum Spartarif gebe. “Wenn uns das als Gesellschaft weiter wichtig ist, muss es auch solide finanziert werden. Wir müssen uns mal ehrlich machen und diese Diskussion führen. Die Leute sind ja nicht dumm und wissen, dass in einer alternden Gesellschaft die Sozialsysteme ohne Reformen umkippen”, sagte er.
Zugleich benannte er Alternativen, um die Beiträge auch ohne Kürzungen stabil zu halten: “Der Staat darf zunächst mal den Krankenkassen nicht länger in die Tasche greifen”, so Gassen. Von den Beitragszahlern würden jedes Jahr allein neun bis zehn Milliarden Euro für die Gesundheitsversorgung von Bürgergeldbeziehern übernommen, die selbst keine Beiträge zahlen. “Wer arbeitet und gesetzlich krankenversichert ist, zahlt die Behandlung derjenigen, die nicht arbeiten. Würde das von der Allgemeinheit über Steuern finanziert, könnten die Kassenbeiträge sofort gesenkt werden.”
Sein zweiter Vorschlag: “Die Regierung erhöht die Steuern für Alkohol, Tabak, Zucker und Cannabis. Der Konsum all dieser Genussmittel macht krank, führt nicht nur zu persönlichem Leid, sondern verursacht gewaltige Kosten. Wenn die Einnahmen in Prävention oder die Behandlung gesteckt würden, wäre das eine echte Win-Win-Situation und ein echter Gamechanger”, sagte er. “Sinkt der Konsum, kommt weniger Geld zusammen, aber weniger Leute bekommen zum Beispiel Lungenkrebs und müssen nicht aufwendig und teuer behandelt werden – umso besser!”