Israelischer Experte zu Rolle der Al-Azhar-Universität in Nahost

Die Al-Azhar-Universität in Kairo ist die wichtigste Hochschule des sunnitischen Islams. Warum sie als Schutzschild gegen Muslimbrüder oder noch radikalere Gruppen fungiert und welche Rolle sie im Nahost-Konflikt spielt, erklärt Ofir Winter, leitender Forscher am Institut für nationale Sicherheitsstudien (INSS) der Universität Tel Aviv, im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Jerusalem.

KNA: Was ist die Al-Azhar-Universität in Kairo?

Winter: Sie gilt als höchste und einflussreichste sunnitische Lehrstätte und wurde vor über 1.000 Jahren gegründet. Ihre Autorität ist aber nicht unangefochten. 1961 wurde Al-Azhar unter Präsident Nasser verstaatlicht, moderne Studiengänge kamen hinzu. Die Universität zählt mehr als eine halbe Million Studierende, darunter Zehntausende aus dem Ausland. Sie hat Ableger in der ganzen Welt. Ihre Finanzierung ist in der ägyptischen Verfassung festgeschrieben. Die Verstaatlichung sollte der Regierung religiöse Legitimierung verleihen. Dem kam die Universität über all die Jahre hinweg nach, auch mit Blick auf den Nahost-Konflikt.KNA: Welche Rolle spielt die Al-Azhar heute?

Winter: Angesichts der Bedrohung des Staatsislam durch islamistische Strömungen ist sie eine wichtige Stütze. Die mächtigste fundamentalistische Bewegung, in Ägypten wie international, sind die Muslimbrüder, aus deren Reihen 1987 auch die Hamas hervorging. 2012/13 stellten sie sogar die Regierung. Durch Verfolgung seit dem Putsch von Präsident al-Sisi sind sie zwar geschwächt, fordern das System aber weiter heraus. Unter dem Motto „Der Islam ist die Lösung“ wollen sie einen Gottesstaat auf Basis der Scharia. Dieses Ziel verfolgen sie meist durch friedliche Durchdringung der Gesellschaft und Politik, aber sie lehnen in bestimmten Umständen auch Revolution und Gewalt nicht ab. Dagegen befürwortet die ägyptische Regierung – und damit auch die Al-Azhar – eine religiöse Legitimierung der bestehenden politischen Strukturen, nicht jedoch radikalislamische Interpretationen.

KNA: Die arabische Welt kennt keine Trennung zwischen Religion und Staat. Trotzdem machen Sie einen Unterschied zwischen staatlichen religiösen Institutionen und Bewegungen, die den Staat herausfordern.

Winter: Beide Kräfte nutzen die Religion für politische Zwecke, was in einer konservativen Öffentlichkeit von großer Bedeutung ist. Wir sprechen über Länder, die nicht demokratisch sind. Das heißt, die Legitimität des Herrschers kommt in einigen Fällen aus einer Art Dynastie, die mindestens durch eine zur Schau gestellte Frömmigkeit mit dem Propheten Mohammed verbunden sein muss. In autoritären Republiken wie Ägypten herrscht der Staatschef nicht nur durch Macht und Angst, sondern auch mit dem Versprechen, die religiöse Werteordnung aufrechtzuerhalten.

KNA: Schon unter dem 1981 von Islamisten ermordeten Präsidenten Sadat wurde die Scharia als „Hauptquelle der Gesetzgebung“ in die ägyptische Verfassung aufgenommen. Setzt al-Sisi diese Linie fort?

Winter: Der Islam ist auch in der neuen ägyptischen Verfassung sehr präsent. Allerdings forciert al-Sisi eine komplexere ägyptische Identität. Sie beruht nicht mehr nur auf dem Arabischsein und der Religion, sondern betont auch die mediterrane Identität, sogar die pharaonische Vergangenheit. Davon profitieren auch die Kopten, etwa dank gesetzlicher Erleichterungen beim Kirchbau. Die Al-Azhar fungiert in diesem Identitätsgebilde als Sachwalterin des dominierenden muslimischen Elements und zugleich Schutzschild gegen Muslimbrüder oder noch radikalere Gruppen.KNA: Worin genau besteht der Identitätskonflikt zwischen beiden Seiten?

Winter: Es geht um die Frage: Sehen sich die Bürger vor allem als Teil des ägyptischen Volkes und der ägyptischen Heimat oder als Teil der islamischen Nation, der Umma? Die Muslimbrüder wollen auf lange Sicht den Nationalstaat überwinden und träumen von einem grenzüberschreitenden Kalifat. Sie sehen auch den Westen, seine Macht und seine Kultur als militärische, politische und moralische Bedrohung. Israel gilt ihnen dabei als westlicher Vorposten und Besatzer, der geschlagen werden muss. Dabei schwingt auch mit, dass die Muslimbrüder 1928 als antikolonialistische Bewegung gegen die britische Herrschaft in Ägypten gegründet wurden.

KNA: Die Azhar unterstützte den ägyptisch-israelischen Friedensvertrag 1978, äußerte sich klar gegen Al-Kaida und für die US-Invasion im Irak. Den Terror der Hamas am 7. Oktober aber unterstützte die Institution und sprach in einer Erklärung von „Widerstandsbemühungen des stolzen palästinensischen Volkes“. Warum?

Winter: Als staatliche Institution folgt die Azhar der Linie der ägyptischen Außenpolitik. Und die gleicht im Nahostkonflikt einem Balanceakt. Einerseits wahrt sie Distanz zur Hamas, die ja ein Sprössling der oppositionellen Muslimbrüder ist und deren religiös-fundamentalistische Ideologie teilt. Andererseits muss Kairo die allgemeine Solidarität mit den Palästinensern und der Hamas in der Bevölkerung beachten. Der Staatsislam hat durch seine Imame, Gelehrten, Moscheen und das Bildungssystem großen Einfluss im Volk. Er darf aber nicht durch Verurteilung der Hamas den Muslimbrüdern die politische Chance geben, sich als Vertreter des authentischeren Islam zu profilieren.

Abgesehen davon entspricht die prinzipielle Gegnerschaft zu Israel auch den Überzeugungen einer Mehrheit im politischen, militärischen und religiösen Establishment. So hat die Azhar fast antisemitische Haltungen gegen Juden und Israel bzw. die „Zionisten“ propagiert und die Ansicht genährt, dass die Juden anstelle der Al-Aksa-Moschee den dritten Tempel errichten wollen. Die Aktionen radikaler Siedler und der religiös-nationalistischen Regierung in Jerusalem befördern dies.

KNA: Will Al-Azhar letztlich doch die Vernichtung Israels?

Winter: Offiziell gilt gemäß der herrschenden Staatsraison weiter das Bekenntnis zum Friedensvertrag von 1978. Sonst würde Azhar die Politik der Regierung delegitimieren, was ihrer Aufgabe widerspräche. Tiraden, die explizit zum Dschihad gegen Israel aufrufen, wie es Hamas-Linie ist, hört man nicht von Al-Azhar. Gleichzeitig wird an ihren Schulen der Friedensvertrag aber nicht gelehrt, anders als bei 90 Prozent der ägyptischen Schüler, die den Vertrag und die Vorteile für Ägypten auf dem Lehrplan haben. In Azhar-Lehrmaterial geht es nur um die muslimische und christliche Präsenz in Jerusalem, nie um die jüdischen Wurzeln der Stadt.KNA: Hofft denn der Staat Ägypten, dass Israel die Hamas besiegt?

Winter: Bis Kriegsbeginn hätte ich das bejaht. Inzwischen bezweifle ich es. Erstens ist völlig unklar, was Israel am Tag nach dem Sieg im Gazastreifen plant. Deshalb könnte Kairo das bekannte Übel vorziehen. Zweitens fürchtet die Regierung eine Massenflucht der Palästinenser nach Ägypten, aus humanitären Gründen oder auf israelischen Druck. Zum einen will man kein Einsickern von Islamisten in den Sinai. Zum anderen warnten Präsident al-Sisi sowie der Großscheich von Al-Azhar, die Palästinenserfrage dürfe nicht durch Vertreibung entschieden werden.KNA: Hat Ägypten wirklich Angst vor so einer kleinen Zahl von Gazabewohnern, im Vergleich zur ägyptischen Bevölkerung?

Winter: Es wäre nach 1948 eine zweite Nakba, „Katastrophe“. Dem will Ägypten nicht die Hand reichen. Und al-Sisi hat deutlich gesagt, dass er keine Verlagerung des palästinensischen Widerstands von Gaza in den Sinai will, der dann in ägyptischer Verantwortung wäre. Ägypten hat Milliarden in die Entwicklung des Sinai gesteckt und hat Angst um seine Wirtschaft. Vielleicht kann Ägypten ein paar Zehntausend aufnehmen, wenn es eine Garantie bekommt, dass sie am Ende wieder nach Gaza zurückkehren. Eine dauerhafte Massenumsiedlung von Gazabewohnern wird es mit Kairo aber nicht geben.