Immer noch im Aufbruch

Es ist rekordverdächtig: In Niedersachsen ist die Zwölf-Apostel-Gemeinde Sarstedt-Land südlich von Hannover aus sechs Gemeinden mit zwölf Kirchen entstanden. Wie sieht die Bilanz zehn Jahre nach der Fusion aus?

Algermissen/Lühnde. „Hut ab! Heute feiern Sie zu Recht“, sagte Regionalbischöfin Adelheid Ruck-Schröder beim Festgottesdienst zum zehnjährigen Bestehen der Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde Sarstedt-Land. „Ihr seid eine Gemeinde mitten in der Pandemie, mitten im Ukrainekrieg und mitten in einer modernen Gesellschaft, die einlädt.“ Vor allem lobte die Regionalbischöfin im Sprengel Hildesheim-Göttingen das multiprofessionelle Team, das die Gemeinde leite. Dessen Kreativität und Kompetenz sei inzwischen ein Modell-Beispiel, so Ruck-Schröder weiter.

Vor mehr als zehn Jahren, als über den Zusammenschluss der Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde Sarstedt-Land noch diskutiert wurde, schien dieser Erfolg keineswegs garantiert. Der Schritt habe als „mutig“ gegolten, erzählt Pastor Yorick Schulz-Wackerbarth, der selbst erst seit sechs Jahren in der Gemeinde tätig ist. „Die ersten Jahre waren sehr schwer. Viele Kirchenmitglieder waren in Sorge, dass sich die Kirche aus ihrem Ort verabschiedet und die Verbindung verloren geht“, so der Seelsorger. Etliche Engagierte seien tatsächlich abgewandert.

Gute Arbeit kaum möglich

Die Regionalisierung und die damit verbundenen Einsparungen hätten die Entscheidung allerdings unausweichlich gemacht, so der 45-Jährige weiter. Denn teilweise seien in den Altgemeinden nur noch kleine Stellenanteile übrig geblieben. Gute Arbeit sei kaum mehr möglich gewesen.

Eine Mammutaufgabe

Der erste Zusammenschluss zu einer Gesamtkirchengemeinde im Bereich der Landeskirche Hannovers im Januar 2012, bei der die Gemeinden zwar erhalten bleiben, aber eng zusammenarbeiten, war eine Mammutaufgabe. Das zeigt schon allein die Aufzählung der beteiligten Dörfer: Denn die heutige Gemeinde, die sich östlich von Laatzen und Sarstedt ausdehnt und immerhin noch knapp 6000 Mitglieder zählt, umfasst zwölf Predigtstätten und insgesamt 13 kleine Ortschaften, die bis dahin wenig gemeinsam hatten. Es sind Wassel, Wirringen, Müllingen, Groß- und Klein Lobke, Bledeln, Hotteln, Gödringen, Algermissen, Ingeln-Oesselse, Ummeln, Wätzum und Lühnde.

Dass nicht alles rund gelaufen sei, bilanziert auch Pastorin Annegret Austen im Rückblick. Sie ist seit 30 Jahren in der Gemeinde, zunächst als ehrenamtliche Pastorin, seit 2015 als hauptamtliche. Schwierig seien etliche Personalwechsel gewesen. „Aber wir haben die Hoffnung nicht aufgegeben, dass wir es gemeinsam schaffen.“ Und tatsächlich gelangte die Gemeinde in ruhigeres Fahrwasser. Nach Austens Meinung lag das vor allem an der neu ausgerichteten Gemeindearbeit.

Adelheid Ruck-Schroeder ist Pastorin und Studiendirektorin im Predigerseminar der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers in Loccum (Foto vom 03.09.2020). Seit genau 200 Jahren werden in den altehrwuerdigen Mauern zwischen Weser und Steinhuder Meer kuenftige evangelische Pastorinnen und Pastoren nach ihrem Studium fit fuer ihren kuenftigen Beruf gemacht. Am 20. November 1820 hielt der damalige Studiendirektor Friedrich Burchardt Koester (Köster) (1792-1878) die Eroeffnungsrede. Zwar hatten bereits seit dem 17. Jahrhundert immer wieder Vikare fuer eine bestimmte Zeit in Loccum gelebt, um den Konvent des evangelisch gewordenen Klosters zu unterstuetzen. Doch erst ab 1792 wurde dort systematisch ueber deren Ausbildung nachgedacht. (Siehe epd-Bericht vom 16.11.2020)
Adelheid Ruck-Schroeder ist Pastorin und Studiendirektorin im Predigerseminar der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers in Loccum (Foto vom 03.09.2020). Seit genau 200 Jahren werden in den altehrwuerdigen Mauern zwischen Weser und Steinhuder Meer kuenftige evangelische Pastorinnen und Pastoren nach ihrem Studium fit fuer ihren kuenftigen Beruf gemacht. Am 20. November 1820 hielt der damalige Studiendirektor Friedrich Burchardt Koester (Köster) (1792-1878) die Eroeffnungsrede. Zwar hatten bereits seit dem 17. Jahrhundert immer wieder Vikare fuer eine bestimmte Zeit in Loccum gelebt, um den Konvent des evangelisch gewordenen Klosters zu unterstuetzen. Doch erst ab 1792 wurde dort systematisch ueber deren Ausbildung nachgedacht. (Siehe epd-Bericht vom 16.11.2020)epd-bild/Jens Schulze

„Wir haben uns auf jüngere Menschen und Tauffamilien konzentriert. Und wir haben neue Gottesdienstformate und Konfirmationsmodelle eingeführt“, so die 62-Jährige. Daneben habe man weiter versucht, mit den Enttäuschten in Kontakt zu bleiben und sie von der Notwendigkeit des Zusammenschlusses zu überzeugen, betont die Pastorin. „Es gibt nicht in jedem Dorf einen Bäcker, trotzdem werden die Menschen satt.“

Für eine lebendige Gemeindearbeit

Großen Anteil am Gelingen habe der Kirchenvorstand, sagt Schulz-Wackerbarth. „Es musste ein gemeinsamer Wille entstehen, um das Denken in Dorfstrukturen zu überwinden. Da hatten wir Glück, dass wir mutige Kirchenvorsteher hatten.“ Auch Annegret Austen habe „den Laden zusammengehalten“, lobt Schulz-Wackerbarth. Und schließlich sei auch die kirchenmusikalische Arbeit ein wichtiger Baustein für lebendige Gemeindearbeit.

Mittlerweile seien jedoch viele neue Gesichter in der Gemeinde aktiv, so der geschäftsführende Pastor. Allein am Festgottesdienst und am Gemeindefest hätten sich rund 700 Menschen beteiligt. Im Anschluss pflanzten Vertreter aus allen Dörfern einen jungen Rosensetzling vor dem Wehrturm der Lühnder Kirche in mitgebrachte Erde. „Es bildet sich eine neue Kerngemeinde heraus“, sagt Schulz-Wackerbarth. Selbst die Senioren würden inzwischen Mitfahrgelegenheiten nutzen und sich über lebendige Veranstaltungen freuen. „Es gibt eine Aufbruchsstimmung. Zusammen können wir größere Aufgaben anpacken.“

Nicht selbstverständlich

Auch für Pastorin Austen fällt die Bilanz positiv aus: „Es gibt lebendiges kirchliches Leben auf dem Land. Das ist nicht selbstverständlich.“ Doch die nächsten Herausforderungen warten schon. Die Pastorenstellen müssen gekürzt und die Gemeinderäume deutlich reduziert werden.