Hilgegard Rugenstein ist die neue Pastorin auf Hallig Hooge

„Ich brauche keinen Trubel“

Aus dem großen Potsdam ist Hildegard Rugenstein auf die kleine Hallig Hooge gewechselt. Im Interview verrät die Theologin, was sie an dieser speziellen Stelle reizt und wie die Hooger sie schon jetzt beeindruckt haben. 

Hildegard Rugenstein (re.) mit Gertrude von Holdt-Schermuly, die als Prädikantin fünf Jahre lang die vakante Stelle auf Hallig Hooge mit Leben gefüllt hat

von Johanna Tyrell

Willkommen im Norden. Wie war Ihre Ankunft auf der Hallig?
Hildegard Rugenstein: Sonnig, herzlich, feierlich: Wir wurden mit Brot und Salz empfangen.

Aus einer französisch-reformierten Gemeinde mitten in Potsdam in die lutherische Landeskirche nach Hallig Hooge – wie passt das zusammen?
Ich komme aus einem unierten Pfarrhaus und bin reformatorisch ordiniert; so kann ich in allen evangelischen Gemeinden arbeiten. Es gibt sogar Ähnlichkeiten, denn es sind jeweils kleine historisch geprägte Gemeinden, in Potsdam mit viel Trubel und Tourismus verbunden wie im Sommer auf der Hallig. Aber in den Hugenottendörfern in Vorpommern ist es oft ruhig wie im Winter auf der Hallig. Die jahrhundertealte Verwurzelung der hugenottischen Familien hat mich fasziniert; ich ahne, dass es bei den echten Hoogern eine noch tiefere Verwurzelung gibt.

Was für eine besondere Geschichte haben Hugenottengemeinden?
Hugenotten sind verfolgte, evangelische Christen aus Frankreich, die fliehen konnten. Sie schätzen Martin Luther genauso als ersten großen Reformator und haben die Bibel in ihre Muttersprache übersetzt. Unter absolutistischen Bedingungen war die Reformationszeit in Frankreich extrem hart. So sind sie auch äußerlich noch kirchenkritischer der katholischen Konfession gegenüber. In Frankreich wurde weiter reformiert, indem neue Gemeindeordnungen entwickelt wurden, die bis heute gelten. Ich bin erstaunt, wie modern, ja „krisentauglich“ sie sind, vermutlich weil sie ja in einer Kirchenkrise entwickelt wurden.

Weite Landschaft: Blick auf eine Warft der Hallig Hooge Foto: Falco / Pixaby

In Potsdam haben Sie viel im gesellschaftlichen Leben mitgemischt. Sie haben „Omas gegen Rechts“ gegründet, sich in die Diskussion um den Wiederaufbau der Garnisonkirche eingemischt – Sie scheinen sich ja gern mit vielen Menschen zu umgeben und den Trubel zu mögen.
Ich brauche keinen Trubel, aber wenn es ein muss, rede ich mit. Als die AfD in Potsdam aktiv wurde, haben wir zu „Omas gegen Rechts“, einer Bewegung aus Wien, eingeladen. Das Interesse war enorm groß. Die „Omas“ machen sich Sorgen um das gesellschaftliche Klima für die Kinder- und Enkelgeneration. Wir haben verunsicherte ältere Menschen zu Gesprächen eingeladen und Argumentationshilfen gegeben. Bei Demonstrationen hatten wir Teppichklopfer dabei, als Zeichen dafür, dass die schrecklich braune Vergangenheit von Potsdam gründlich ausgeklopft werden muss. Dazu gehört auch das schwer umstrittene Projekt Garnisonkirche.

Was haben Sie auf der Hallig vor?
Eine Oma-Gruppe braucht die Hallig sicher nicht. Falls es AfD-Wähler gibt, möchte ich mit ihnen ins Gespräch kommen, es gibt Christen in allen Parteien. Wichtiger sind mir Themen der Einen Welt. Als ich sah, dass es auf der Hallig den Eine-Welt-Schrank gibt, habe ich mich sehr gefreut. Die Hallig hat sogar schon das Siegel als erste Fair-Trade-Hallig. Potsdam arbeitet noch daran, Fair-Trade-Town zu werden. Das mag ich hier: So klein wie die Hallig ist, sie zeigt Profil.

Womit legen Sie in nächster Zeit als Erstes los?
Am ersten Freitag im März ist Weltgebetstag. In diesem Jahr ist Vanuatu das Schwerpunktland, ein Inselstaat, der von der Klimakrise besonders bedroht ist. Die Halligen sind doch das „deutsche Vanuatu“, oder? Wegen Corona werden wir zwar in diesem Jahr nicht so feiern können wie sonst. Aber wir werden sehen, was uns verbindet. „Informiert beten“ – wir brauchen Informationen aus der bedrohten Einen Welt – und „betend handeln“, also unseren Lebensstil mit Gebet und Gesang gut informiert verändern.

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