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Ich bin nicht allein – neues Hilfsprogramm für psychisch kranke Jugendliche

Der Übergang ins Erwachsenenleben ist schwer – besonders für psychisch Kranke. In Klingenmünster entsteht ein Ort, der jungen Menschen neue Perspektiven eröffnet.

Therapeutin Mareike Walter (re) mit einer jungen Patientin im Musikzimmer im Adoleszentenzentrum im Pfalzklinikum im pfälzischen Klingenmünster
Therapeutin Mareike Walter (re) mit einer jungen Patientin im Musikzimmer im Adoleszentenzentrum im Pfalzklinikum im pfälzischen Klingenmünsterepd-bild/Bjoern Iversen

Alina Preiß (Name geändert) ist glücklich, dass sie einen der begehrten Therapieplätze ergattert hat. „Ich hatte eine Depression“, erzählt die 19-Jährige aus dem südpfälzischen Edenkoben, die schon lange mit psychischen Problemen kämpft. Seit neun Wochen ist die junge Frau im „Programm“, so nennen Patientinnen und Patienten das Behandlungsangebot am neuen Adoleszentenzentrum des Pfalzklinikums für Psychiatrie und Neurologie am Campus Klingenmünster bei Landau.

Der Übergang vom Jugend- ins Erwachsenenalter kann gerade für psychisch kranke Heranwachsende besonders kritisch sein, wie die Therapeuten Mareike Walter und Jonathan Roth betonen. In diesem Alter stünden wichtige Entwicklungsaufgaben an. Die Heranwachsenden (Adoleszenten) litten oft unter sozialen Ängsten, Depressionen, emotionaler Instabilität oder hätten Schwierigkeiten mit Blick auf schulische oder berufliche Perspektiven. Walter und Roth sind Teil eines multidisziplinären Teams aus Ärzteschaft, Therapie, Pflege, Sozialarbeit und Pädagogik, das am 2025 gegründeten Adoleszentenzentrum rund 20 junge Menschen intensiv betreut.

Übergang ins Erwachsenenalter als Risiko für psychische Probleme

Das „maßgeschneiderte“ Angebot soll eine Lücke in der psychiatrischen Versorgung junger Menschen im Alter von 16 bis 25 Jahren in der Pfalz schließen, erläutert der Psychologische Psychotherapeut Roth. Wenn Heranwachsende psychisch erkrankten, fielen sie am Übergang in die Volljährigkeit häufig durch die etablierten Behandlungsstrukturen zwischen Kinder- und Jugend- sowie Erwachsenenpsychiatrie. Zudem würden in dieser wichtigen Lebensphase bestehende Erkrankungen verstärkt, wenn diese unbehandelt blieben, ergänzt die Psychologin Walter. Eine mögliche Folge sei soziale Isolation; außerdem besteht die Gefahr, dass die Krankheit chronisch wird.

Therapeut Jonathan Roth (li) spielt mit einer jungen Patientin Tischfußball im Adoleszentenzentrum
Therapeut Jonathan Roth (li) spielt mit einer jungen Patientin Tischfußball im Adoleszentenzentrumepd-bild/Bjoern Iversen

Ziel der stationären Therapie in Klingenmünster sei es, junge Menschen mit psychischen Problemen wie schweren Depressionen, Angststörungen oder posttraumatischen Belastungsstörungen zu therapieren, erläutern Walter und Roth. Bei Einzel- und Gruppengesprächen, Bewegungs- und Musiktherapie sowie gemeinsamen Aktivitäten wie Ausflügen, Kochen oder Einkaufen lernten sie etwa, mit ihren Gefühlen umzugehen, Eigenverantwortung zu übernehmen und sich eine Tagesstruktur zu schaffen.

Psychische Probleme: Struktur und Alltag geben Halt

Besonders die Einsamkeit während der Corona-Pandemie habe sie seelisch niedergedrückt, erzählt Ella Körber (Name geändert). Die 22-Jährige saß länger als ein Jahr nur zu Hause – ohne Kontakt zu Freunden. Dadurch habe sie sich in ihrer Depression verloren und sich weder für ihren Job noch einen geregelten Tagesablauf aufraffen können. Die Therapie mit ihrem getakteten Tagesprogramm von frühmorgens bis spätabends habe ihr sehr geholfen, sagt die junge Frau. Vor allem habe sie Gemeinschaft erfahren und erkannt: „Ich bin nicht die Einzige mit Problemen, ich bin nicht allein.“ Einmal in der Woche dürfen die Teilnehmenden zu Hause übernachten.

Im Pfalzklinikum Klingenmünster finden junge Menschen Halt, Struktur und Unterstützung in schwierigen Lebensphasen
Im Pfalzklinikum Klingenmünster finden junge Menschen Halt, Struktur und Unterstützung in schwierigen Lebensphasenepd-bild/Bjoern Iversen

Auch Alina Preiß bestätigt, dass die Corona-Zeit ihre psychische Verfassung verschlimmert habe: „Das hat mir die ersten Jahre meiner Jugendzeit weggenommen.“ Die therapeutischen Gespräche und Aktivitäten mit anderen Jugendlichen täten ihr gut, sagt sie. Eine Gruppe junger Leute sitzt im Aufenthaltsraum des Adoleszentenzentrums und spielt das Kartenspiel Uno. Zwei junge Frauen chillen in einer „Häkelecke“ auf dem Sofa. Im Fernsehraum stehen neben einem Gummibaum eine Gitarre und ein Keyboard bereit. Die Patientinnen und Patienten sollen sich wohlfühlen während ihrer anstrengenden Therapiezeit.

Psychische Probleme lassen sich mit Geduld erfolgreich behandeln

80 Prozent der Patientinnen und Patienten beenden die Therapie erfolgreich, berichtet Therapeut Roth. Die Abbrecherquote liege bei rund 20 Prozent. Für Ella Körber hat sich das Durchhalten etwa bei der „Perspektivenfindung“ ausgezahlt, wie sie sagt. Und Alina Preiß betont, eine akute, kürzere Behandlung hätte nicht gereicht, um wieder ins seelische Gleichgewicht zu kommen: „Ich hätte nichts dagegen, noch länger dazubleiben.“