„Homosexuelle gehören umgebracht“

Bei regelmäßigen Gruppentreffen diskutieren die jungen Männer aus Einwandererfamilien über patriarchale Strukturen und werden geschult, Jugendlichen in Workshops neue Sichtweisen nahezubringen.

Die „Heroes“  Raffael Polovina, Tarik Masovic und Filippos Hantjaras (v. l.) üben ein Rollenspiel, mit dem sie an Schulen gehen
Die „Heroes“ Raffael Polovina, Tarik Masovic und Filippos Hantjaras (v. l.) üben ein Rollenspiel, mit dem sie an Schulen gehenepd-bild/Tim Wegner

Wenn Schüler so etwas sagen, wird es schwierig für Lehrkräfte. Teams mit jungen Männern aus Einwandererfamilien gehen in Schulklassen und bewirken ein Nachdenken. Wer hat schon einmal Hurensohn gesagt?“ Tarik Masovic (23) konfrontiert die 14 anwesenden Schülerinnen und Schüler einer achten Klasse der Adolf-Reichwein-Schule in Langen bei Frankfurt am Main. 13 melden sich – bis auf eine Schülerin. Tarik, Student auf Lehramt, ist Gruppenleiter der „Heroes“ Offenbach. Die jungen Männer wollen den Ehrbegriff unter Jungs aus Einwandererfamilien hinterfragen – und die Rollenbilder von Schülern und Schülerinnen.

Rollenspiele regen zum Nachdenken an

Die bärtigen „Heroes“, die Studenten Raffael Polovina (23) und Filippos Hantjaras (26), verwandeln sich in einem Rollenspiel in die 15-jährige Nadja und ihren 14-jährigen Bruder Elias. Nadja erwischt ihren Bruder, wie er gerade ins Handy haucht: „Ich lieb dich auch, gehen wir morgen Pizza essen?“ „Mit wem telefonierst du, hast du eine Freundin?“, fragt sie und nimmt ihm das Gerät weg. „Warum ruft ein Junge zurück: Schatz, ich liebe dich?“, ächzt sie entgeistert. „Hallo, bist du schwul?!“, brüllt sie dann. Auf sein Geständnis hin verbirgt sie das Gesicht in den Händen: „Wie bist du krank geworden? Das ist ekelhaft! Was sollen die Leute denken? Hör auf damit!“

Die Schülerinnen und Schüler, zumeist aus Einwandererfamilien, sollen sich in Nadja und Elias hineinversetzen. „Nadja will alle beschützen. Die Familie hat sonst einen schlechten Ruf“, sagt einer. Eine entgegnet: „Ich mag die nicht so richtig, man sollte so bleiben, wie man ist.“ Für Elias äußert keiner Verständnis. „Man sollte als Mann keine Männer mögen. Das passt nicht zusammen“, findet ein Schüler.

Ein anderer würde zu Elias sagen: „Geh‘ weg von mir“, aber nach einem Wortwechsel verbessert er: „Ich würde mich allmählich distanzieren.“ Eine Schülerin entgegnet: „Ich würde auch mit ihm chillen, wenn er nicht mein Typ ist.“ Bei der Frage, ob homosexuelle Paare Kinder adoptieren dürfen, ändern einzelne Neinsager ihre Meinung. Sie machen sich bewusst, dass die Alternative das Verbleiben im Kinderheim wäre.

In der Schlussrunde bekennt Tarik: „Ich war früher sehr krass drauf“ – gegen Homosexuelle. „Jetzt denke ich: Solange eine Person korrekt und nett zu mir ist, ist das okay. Ich habe einen Freund, der ist bisexuell, alles ist okay.“

Schüler fühlen sich von den Heroes besser verstanden

Die Schulsozialarbeiterin Kathrin Gütlich hat die „Heroes“ eingeladen. Ihre Erfahrung ist, dass im Unterricht manche Schüler nur das äußerten, was ihrer Meinung nach die Lehrer hören wollten. Im Gespräch mit den jungen Freiwilligen aus Einwandererfamilien reagierten die Schüler ganz anders – sie fühlten sich besser verstanden und hätten das Gefühl, dass auch eine andere Meinung akzeptiert werde.

So könne das Gespräch bei manchen zu einem Umdenken führen. Die anderen lernten zumindest neue Sichtweisen kennen, die sie in der Familie oder im engen Freundeskreis sonst nicht hörten. „Die Jugendlichen sollen eine andere Meinung nicht toll finden, aber Meinungen akzeptieren lernen, die anders sind“, sagt Gütlich.

Von wegen „Ehre“

Es war der Mord an Hatun Sürücü durch einen Bruder 2005 in Berlin, der den Anstoß zur Gründung der „Heroes“ gab, sagt der Berliner Gruppenleiter Ali Ahmad. Sie wurde ermordet, „weil sie sich Zwang und Unterdrückung ihrer Familie nicht unterwarf, sondern ein selbstbestimmtes Leben führte“, wie es auf einem Gedenkstein heißt. Die „Heroes“ wenden sich nach ihrer Selbstbeschreibung „gegen Unterdrückung im Namen der Ehre“. Bei regelmäßigen Gruppentreffen diskutieren die jungen Männer über patriarchale Strukturen und werden geschult, Jugendlichen in Workshops neue Sichtweisen nahezubringen.

Mit diesem Material gehen die „Heroes“ in ihre Workshops
Mit diesem Material gehen die „Heroes“ in ihre Workshopsepd-bild/Tim Wegner

Seit der Gründung 2007 in Berlin-Neukölln nach einem schwedischen Vorbild sind Gruppen an neun Standorten in Deutschland von Flensburg bis München und zwei in Österreich entstanden mit je 15 bis 25 „Heroes“. Rund 50 Mitarbeiter sind für die Projekte angestellt, die im Lauf der Zeit insgesamt 480 ausgebildeten „Heroes“ haben Workshops mit bisher rund 58.000 Schülern gehalten.

Ein Großteil der Jungs war homophob

Die Offenbacher Freiwilligen geben meist zwei Workshops die Woche. Viele der rund 20 Aktiven hätten einen Umlernprozess durchlaufen, berichtet Tarik: „Ich war erst homophob, ein Großteil der Jungs ebenso.“ Bei den regelmäßigen Treffen habe sich aber ein Gruppengefühl und eine Diskussionskultur entwickelt, in der sie ihre Meinung geändert hätten.

Die Langener Klassenlehrerin Gudrun Jayme sieht den Workshop der „Heroes“ als Erfolg an. Die Doppelstunde habe einen Denkprozess in Gang gebracht: „Noch letztes Jahr wurde in der Klasse die Meinung geäußert, Homosexuelle müssten alle umgebracht werden. Und gerade die Hardliner hatten sich jetzt bei den Fragen umentschieden“, sagt Jayme.