Bald drei Jahrzehnte nach dem Kosovokrieg sind viele Familien noch immer im Ungewissen über das Schicksal ihrer Angehörigen. Mit der Aufarbeitung soll sich auch endlich ein Weg in die Zukunft öffnen.
1.587 Namen: Keiner davon steht auf einem Grabstein. Und dennoch leben die Personen, denen sie gehören, seit Jahren nicht mehr unter ihren Familien und Freunden. Es ist die Anzahl an Menschen, die nach dem Kosovokrieg (1998/1999) immer noch als vermisst gelten. Eine gemeinsame Kommission zwischen dem Kosovo und Serbien soll nun Licht in ihren Verbleib bringen – und die Hinterbliebenen endlich in die Zukunft blicken lassen.
Es war ein zähes Warten. Bereits vor knapp drei Jahren, im Mai 2023, hatten sich Kosovos Ministerpräsident Albin Kurti und Serbiens Präsident Aleksandar Vucic auf die Gründung des gemeinsamen Ausschusses geeinigt. Dieser soll die Rahmenbedingungen schaffen, unter denen eine vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) geleitete Arbeitsgruppe nach den Vermissten suchen kann. Das Rote Kreuz hat eine Beobachterrolle in der Kommission und nimmt an den Treffen teil, wie das IKRK-Büro in Pristina auf Anfrage der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) mitteilte. Die erste Zusammenkunft fand vergangene Woche in Brüssel statt.
Von der Arbeit der Kommission hängt viel ab. Einerseits für den Frieden in der Balkanregion: Serbien erkennt den Kosovo nach der Abspaltung im Jahr 2008 immer noch nicht als eigenständigen Staat an und zündelt regelmäßig, indem es die serbische Minderheit im Kosovo für seine Zwecke mobilisiert. Die Hoffnung ist groß, dass die gemeinsame Kommission dazu beiträgt, den eingeschlafenen Dialog zwischen den Regierungen wiederzubeleben.
Andererseits, so das Ziel der Kommission, sollen die Familien der Vermissten den lang ersehnten Schlussstrich ziehen können. “Die Angehörigen leben mit dem Schmerz, viele stehen dadurch auch vor wirtschaftlichen Herausforderungen”, berichtete im Jahr 2023 Agim Gashi, Missionschef des IKRK in Pristina. So hätten viele Verwandte von Vermissten Schwierigkeiten, ihr Erbe anzutreten; in einigen Dörfern wurden in dem Konflikt sämtliche Hauptverdiener getötet. Armut sei in vielen Fällen die Folge.
Was für viele Angehörige in den vergangenen Jahren wohl am schwersten zu verkraften war: die Gewissheit, dass jemand über den Verbleib der sterblichen Überreste Bescheid weiß, aber aus Angst vor Strafverfolgung schweigt. Oder aus Überzeugung. So steht das offizielle Belgrad immer wieder in der Kritik, Informationen über Massengräber zurückzuhalten.
Dazu meint Marko Milosavljevic von der Organisation Youth Initiative for Human Rights: “Das Ziel der Kommission muss es sein, die nationalen und internationalen Archive der Streitkräfte zu öffnen, neue Massengräber zu finden, aber auch die Gesetzgebung in beiden Ländern zu ändern, um diejenigen zu bestrafen, die Informationen über Massengräber zurückgehalten haben.”
Eine Quelle aus dem Kosovo – sie will anonym bleiben – kritisiert in dem Zusammenhang auch die internationale Gemeinschaft: Vonseiten der EU etwa sei der Druck auf Serbien minimal. “Dabei hätten diejenigen, die entscheidende Information zu vermissten Personen zurückhalten, längst mit Sanktionen belegt werden sollen”, so der Politikbeobachter.
Fast 30 Jahre nach den Kämpfen zwischen der jugoslawischen Armee und der Kosovarischen Befreiungsarmee (UCK) ist der Konflikt allgegenwärtig: Hier Graffiti mit den Konterfeis serbischer Generäle, dort Statuen von Widerstandskämpfern. In beiden Ländern werden die Militärführer bis heute als Helden verehrt. Damit muss laut Milosavljevic Schluss sein, wollen die Nachbarn in eine gemeinsame Zukunft blicken.
“Die Regierung in Pristina darf die Verbrechen der UCK nicht leugnen, indem sie angeklagte Kriegsverbrecher wie Hashim Thaci glorifiziert”, sagt Milosavljevic mit Bezug auf den Ex-Präsidenten des Kosovos. Und weiter: “Genauso dürfen serbische Politiker die Kriegsverbrechen wie jenes in der Stadt Racak nicht länger als ‘Anti-Terror-Einsätze’ verkaufen.”
Auf beiden Seiten kam es während des Kriegs zu dokumentierten Menschenrechtsverletzungen. Bis heute ist die strafrechtliche Aufarbeitung nicht abgeschlossen, wovon Kriegsverbrecher-Prozesse in den jugoslawischen Nachfolgestaaten oder die “Kosovo Specialist Chambers” in Den Haag zeugen.
Auch hier drängt Milosavljevic Kosovo und Serbien zum Umdenken. “Die Zusammenarbeit der für Kriegsverbrechen zuständigen Staatsanwaltschaften auf beiden Seiten muss neu aufgestellt werden.” Das sei wichtig, damit die Justiz keinen ethnischen Fingerabdruck trage, so der Experte. Angesichts des ausgeprägten Nationalismus in beiden Staaten bleibt dies vorerst wohl Wunschdenken.