Der Bollerwagen zieht die Blicke auf sich. Luftballons, Flaggen, Kohl, Blumen: So ein Gefährt sieht man nicht jeden Tag auf dem Times Square. Zwei Männer ziehen den kleinen Handwagen. Einer von ihnen ist Harm Schröder. Er ist der amtierende Kohlkönig von New York. Der 72-Jährige ist Teil der Reisegruppe, die in diesem Jahr zur Kohlfahrt von Norddeutschland in die US-Metropole gereist ist.
Organisiert hat die Reise Wolfgang Grams, Ahnen- und Auswanderungsforscher sowie Reiseveranstalter aus Oldenburg. Für ihn gehört die Kohlfahrt nach New York fest zum Programm. „Ich habe ins Programm geschrieben, dass es die 10. Kohltour ist, aber so ganz genau weiß ich das gar nicht“, gesteht er. Immerhin: Zum Kohlessen nach New York fährt er schon seit mehr als 30 Jahren.
26 Teilnehmer hat er in diesem Jahr, eine bunte Truppe. Der Jüngste ist 23, die Ältesten sind über 70. Einige waren schon öfter mit Wolfgang Grams auf Reisen, manche sogar schon mal bei der Kohlfahrt dabei.
Der kleine Bollerwagen aus Holz wurde am Morgen ins Hotel geliefert. Es ist ein historisches Stück, 1953 hat ihn der US-Amerikaner Mark Wright von seinem Vater bekommen. Sogar eine Widmung findet sich auf der Unterseite. Seit Jahren ist der Wagen dabei, wenn Wolfgang Grams im Januar norddeutsches Kulturgut nach New York bringt.
Nach dem ersten Dekorieren zieht die Gruppe dick eingepackt am Hotel los. Leichter Schneefall setzt ein, als es den Broadway entlanggeht. Wolfgang Grams stapft vorweg, hält die Gruppe zusammen. Zwischendurch bleibt er stehen, zeigt auf Gebäude, gibt Erklärungen und Anekdoten zu verschiedenen Dingen.
Am Columbus Circle strömen alle in den Health Food Store. Es wird Kohl gekauft, Blumen und Schnapsgläser. Ein paar Meter weiter am Anfang des Central Parks wird der Wagen fertig dekoriert, Sträuße werden befestigt, Fahnen drapiert. Ein Gruppenfoto noch, dann geht es in den Park.
Mittlerweile fallen dicke weiße Schneeflocken, der Central Park verwandelt sich in ein Winterparadies. „Immerhin kein Regen“, meinen einige. Denn der war eigentlich angesagt. Zwischen den Statuen von berühmten Dichtern gibt es einen Halt. Alle stehen dicht zusammengedrängt, mit ihren Rücken schirmen sie den Bollerwagen von den Blicken Fremder ab. Schnell gibt es einen Schnaps, heimlich. Denn das Trinken von Alkohol auf offener Straße ist in den USA verboten.
Im dichten Schneetreiben entdeckt Wolfgang Grams zwei Mitarbeiter der Parksicherheit auf Pferden. Die großen Kaltblüter sind einiges gewöhnt, dennoch beäugen sie den Bollerwagen etwas misstrauisch. Tapfer zieht die Gruppe weiter durch die Kälte. Die Finger werden klamm, die Schuhe zum Teil durchweicht, doch die Laune ist weiter gut.
Als es schließlich aus dem Park hinaus und auf die Fifth Avenue geht, hat es aufgehört zu schneien. Tiffany, Trump Tower, Rockefeller Center, Times Square – mit dem Bollerwagen im Schlepptau geht es an zahlreichen Sehenswürdigkeiten vorbei und schließlich zurück zum Hotel. Eilig verabschieden sich alle, um sich aufzuwärmen.
Das traditionelle Kohlessen muss bis zum nächsten Tag warten. Der startet früh. Mit der U-Bahn geht es nach Brooklyn. Mit dem Bollerwagen geht es in den U-Bahn-Waggon. Alles klappt reibungslos. In Brooklyn ist es nur ein kurzer Fußmarsch zur Deutschen Evangelisch-Lutherischen Zions-Kirche. Mit der Kirchengemeinde ist Wolfgang Grams eng verbunden, der zweisprachige Gottesdienst gehört in jedem Jahr zum Programm.
In der Kirche gibt es eine herzliche Begrüßung durch den Pastor und durch Fred Hansen, den Vorsitzenden des Kirchenvorstands, der außerdem Mitorganisator des jährlichen Kohlessens ist. Es werden Gastgeschenke verteilt und Erinnerungen zum Besten gegeben. Wolfgang Grams ist nicht der Einzige, der schon mal hier war. Anke und Jürgen Logemann sind dort vor vielen Jahren mit ihrer Volkstanzgruppe aufgetreten. Fred Hansen haben sie damals auch kennengelernt. Mehr als 30 Jahre ist das her.
Mit dem Bus geht es anschließend nach New Jersey. In Clark beim Deutschen Club gibt es endlich den ersehnten Grünkohl. Ganz standesgemäß mit Pinkel, der geräucherten, grobkörnigen Wurst. Die Kohlfahrtstruppe zieht singend und mit dem Bollerwagen im Schlepptau in den Saal ein, wo viele Mitglieder des Deutschen Clubs schon am Kohlessen sind.
Nach dem Verzehr des Grünkohls ist es schließlich an der Zeit, das neue Kohlkönigspaar zu ernennen: Rita Van Doellen Mokros und Günter Buschenlange dürfen sich nun ein ganzes Jahr lang Kohlkönigin und Kohlkönig von New York nennen. Es wird noch geklönt, auf Deutsch und auf Englisch, dann ist die zweitägige Kohlfahrt zu Ende. Einmal noch muss der Bollerwagen die Reise antreten, dann geht es für ihn in Einzelteilen zurück zu seinem Besitzer – bis zum nächsten Mal, wenn Wolfgang Grams wieder zur Kohlfahrt nach New York einlädt.