Im Zeitalter von "Fake News" und Desinformation wird ein Ort im Internet wichtiger: Die Wikipedia dient vielen als Anlaufstelle für Fakten und Wissen. Ihr Gründer glaubt, das Erfolgsgeheimnis entschlüsselt zu haben.
Ein bisschen schlechtes Benehmen gehört in Zeiten, in denen die Aufmerksamkeit des Publikums hart umkämpft ist, zu jeder guten Buch-Promo-Tour dazu. Einfach nur ein interessantes Buch zu schreiben, reicht schon lange nicht mehr aus. Das hat sich wohl auch der Wikipedia-Gründer Jimmy Wales zu Herzen genommen, als er dem Journalisten Tilo Jung das wohl kürzeste Interview seiner Karriere bescherte.
Denn als Jung das Gespräch mit Wales mit der Frage eröffnete, ob er eigentlich der Gründer oder der Co-Gründer von Wikipedia sei, erwiderte Wales, dass das eine dumme Frage sei, und verließ das Studio nach nur einer Minute wieder. Nicht gerade höflich, doch Wales schaffte es mit seinem merkwürdigen Auftritt in die Nachrichtenspalten - und mit ihm auch sein Buch "Trust: Die 7 Regeln des Vertrauens oder Wie man Dinge von Dauer schafft".
Knapp 25 Jahre ist es her, dass die Online-Enzyklopädie an den Start ging. Im Januar 2001 begann ein Projekt, dessen Erfolg Wales zufolge mehr als unwahrscheinlich erschien. Das Prinzip, bei dem jeder und jede Artikel für das Lexikon schreiben oder bearbeiten konnte, erschien einfach viel zu anfällig für Trolle oder Menschen mit bösen Absichten.
Aber dennoch wuchs Wikipedia rasant und war zwischenzeitlich auf der Rangliste der meistgeklickten Internetseiten auf Platz fünf. Wie konnte das passieren?
Wales hat einen Punkt als Erfolgsgeheimnis ausgemacht: Vertrauen. Die Menschen vertrauen der Wikipedia. Natürlich werden alle Fakten und Quellen zurecht kritisch hinterfragt. Doch wer die Antwort auf eine bestimmte Frage sucht, Informationen über ein Thema sammeln oder sich einen ersten Eindruck verschaffen will, liegt bei Wikipedia erstaunlich oft richtig.
In seinem Buch dröselt Wales deshalb in sieben Schritten auf, was aus seiner Sicht dazu geführt hat, dass die Menschen Wikipedia vertrauen können. Da wäre etwa die Transparenz. Alle Änderungen an allen Wikipedia-Artikeln werden systematisch und öffentlich nachgehalten. Wer das Gefühl hat, dass ein Artikel verfälscht wurde, fehlerhaft ist oder wichtiger Kontext fehlt, kann das Problem selbst beheben.
In anderen Kapiteln lobt Wales außerdem die Höflichkeitsregeln, mit denen sich Menschen bei den Diskussionen in der Wikipedia begegnen. Er wirbt für einen grundsätzlichen Vertrauensvorschuss und für weltanschauliche Vielfalt in den Teams. Dass all diese Faktoren zum Erfolg der Wikipedia beigetragen haben, belegt Wales sowohl mit wissenschaftlichen Erkenntnissen als auch mit unzähligen Anekdoten.
Das Buch ist das Aufbäumen eines Mannes, der an das Gute im Menschen glaubt und am Zustand der Welt zu verzweifeln scheint. So wie die Nutzer Wikipedia Vertrauen entgegenbringen, so soll die Wikipedia auch den Nutzern Vertrauen entgegenbringen. Und Wales hofft, für dieses Geben und Nehmen die Grundregeln entschlüsselt zu haben.
Man merkt dem Buch an, dass sich der Gründer Mühe gibt, all die hehren Grundsätze, die er für Vertrauen für unerlässlich hält, in seinem Buch umzusetzen. Wo er an der einen Stelle darauf hinweist, dass es vertrauensfördernd sein könne, Fehler einzugestehen, tut er das an anderer Stelle im Buch selbst und hält fest, dass auch die Wikipedia nicht ohne Fehler sei - weder die Artikel selbst noch die Menschen und die Maschinerie dahinter.
Ob diese Selbstkritik weit genug geht, muss jeder Leser für sich selbst entscheiden. Wales betont wieder und wieder, dass die konstruktive Gesprächskultur unter den Wikipedianern eines der Erfolgsgeheimnisse des Projekts sei. In der deutschsprachigen Sektion gibt es aber immer wieder ganz andere Berichte, die von einer für Neulinge äußerst schwierigen Diskussionskultur sprechen.
Mit seinen sieben Thesen zum Vertrauen will Wales im Buch aber nicht nur den Erfolg von Wikipedia erklären. Er will auch eine Schablone für eine gelingende Gesellschaft, für eine bessere Diskurskultur und letztlich eine Rettung der Demokratie liefern.
Dass jemand, der mit einer verrückten Idee so riesigen Erfolg hatte, keine kleineren Brötchen backt, ist dabei nicht das Problem. Die Krise der Demokratie erfordert Träume, Utopien, Ideen für eine bessere Zukunft.
Es ist bloß noch keineswegs ausgemacht, dass die Wikipedia die Stürme übersteht, die gegenwärtig über sie hinwegfegen. Elon Musk schießt immer wieder gegen das Projekt und könnte dafür sorgen, dass sich konservative Stimmen nicht mehr daran beteiligen - eine selbsterfüllende Prophezeiung im Hinblick auf die Vorwürfe einer vermeintlich linken Verzerrung. Der Pool der Redakteure altert, und Nachwuchs ist nicht in Sicht. Und nicht zuletzt wurde das Problem der KI-generierten Texte noch kaum ausreichend angegangen.
Nichtsdestotrotz lohnt sich die Lektüre des Buchs - nicht nur, weil Wales die "dumme Frage", die ihn im Interview mit Tilo Jung so erzürnt hat, auf Seite 156 selbst beantwortet. Für ein breites Publikum liefert es den pragmatischen Optimismus, den die krisengebeutelte Welt gerade so dringend braucht. Und auch für Entscheider in anderen Bereichen, die gerade in einer Vertrauenskrise stecken, wie etwa die Politik oder die Medien, ist das Buch ein Steinbruch der guten Ideen.