Grenzen einreißen

Über Vorurteile aufgrund fremder Kultur, Herkunft oder Hautfarbe schreibt Joy Hoppe. Sie ist neue Pastorin der Ökumenischen Arbeitsstelle im Kirchenkreis Hamburg-West/Südholstein.

Der Predigttext des kommenden Sonntags lautet: „Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.“ aus Johannes 9, 1-7

Eine alte Frau kam zu mir und sagte: „Ich möchte nicht neben dieser Frau sitzen.“ Ich fragte nach. Die Antwort: „Sie riecht schlecht, und sie spricht Unsinn.“ Sie setzte sich neben eine gut gekleidete Frau und sah mich an und lächelte. Und ich sah: Die andere Frau saß nun allein. Und sie sah nicht glücklich aus.

Wir alle haben unsere Vorurteile. Wir versuchen, Menschen auszuwählen, die zu uns passen. Das ist normal, das ist menschlich. Gleichzeitig sind wir kritisch oder versuchen, Menschen zu vernachlässigen, die unseren Gedankenströmen nicht folgen, und wir werden wertend.

Wir beurteilen andere nach ihrem Aussehen, wir beurteilen andere nach ihrem Glauben, wir beurteilen andere nach ihrem Verhalten, wir beurteilen andere nach ihrer Kultur, wir beurteilen andere nach ihrer Hautfarbe. Und es gibt viele weitere Gründe, warum wir andere beurteilen oder gar verurteilen.

Ich finde es sehr interessant, was wir in Johannes 9, 1-7 lesen. Wie sieht Jesus den Mann, der blind geboren wird? Wie sehen Jesu Jünger und andere ihn? Die Jünger sahen, dass Jesus sich einem Menschen näherte, der wegen seiner Blindheit als Sünder von der Gesellschaft abgelehnt wurde.

Zunächst versuchen sie, Jesus den Zugang zu ihm zu verwehren. Dann verweisen sie auf den Sabbat, versuchen eine Frage zu stellen: „Rabbi, wer hat gesündigt …?“ Jesus antwortete ihnen: Er sagte: niemand! Aber „es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.“ Jesus überschreitet Grenzen, um Gottes Werk zu tun.

Jesus tat Gottes Werk, er sah den Blinden ohne Vorbehalte und näherte sich ihm und heilte ihn, obwohl andere ihn als Sünder sahen. Dazu sind auch wir berufen. Wir sind aufgerufen, nicht die perfekten und passenden Menschen auszuwählen, die auf unserer Seite stehen, sondern den Bedürftigen zu helfen, ihn oder sie anzunehmen.

Jesus zündete ein Licht im Leben dieses Bedürftigen an, ließ ihn waschen und erfrischte ihn in seinem Leben. Sind wir bereit, uns neben die Personen zu setzen, die riechen und die anders sind als wir?

Unsere Autorin
Joy Hoppe ist neue Pastorin der Ökumenischen Arbeitsstelle im Kirchenkreis Hamburg-West/Südholstein.

Zum Predigttext des folgenden Sonntags schreiben an dieser Stelle wechselnde Autoren. Einen neuen Text veröffentlichen wir jeden Mittwoch.

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