Gewalt gegen Obdachlose: Kälte im Kopf

Gewalt gegen Obdachlose nimmt zu – ein alarmierendes Zeichen für die Verrohung unserer Gesellschaft. Ein Kommentar von Angela Wolf.
Gewalt gegen Obdachlose: Kälte im Kopf
Obdachlose gelten als besonders gefährdet: Die Zahl der Übergriffe auf Menschen ohne Unterkunft steigt seit Jahren
Imago / photothek

Obdachlose werden an ihren Schlafplätzen mit Benzin übergossen und angezündet. Sie werden angepinkelt und bespuckt oder als Gesindel von ihrer Platte vertrieben. Gewalt gegen Obdachlose nimmt bundesweit zu: Drohungen, Nötigung, Diebstahl und Raub, Vandalismus, Brandstiftung und schwere Körperverletzung bis hin zu Tötungsdelikten. Die Ursachen sind vielfältig. Doch alle zeigen: Empathie und Nächstenliebe verkommen zu leeren Phrasen. Damit kann sich eine aufgeklärte Gesellschaft nicht abfinden.

Die Täter stammen erwiesenermaßen oft aus dem Milieu selbst. Streitigkeiten um knappe Ressourcen eskalieren. Wer wenig hat, ist sich oft selbst der Nächste. Gewalt erfahren Obdachlose aber auch immer häufiger von außen. Junge Männer fallen dabei durch besonders enthemmte Gewaltausübung auf. Fachleute vermuten eine generelle Verrohung der Gesellschaft als Grund. Die Angst vor dem sozialen Abstieg spielt eine entscheidende Rolle. Sie ist Antreiber für Hass und Wut gegenüber den Schwächsten, so die Expertenmeinung.

Obdachlose: Nächstenliebe als Prüfstein

Schon im Nationalsozialismus wurden Menschen, die keine Leistung für die Gesellschaft erbringen konnten, als sogenannte Asoziale per Erlass verfolgt, verschleppt, interniert und getötet. Die Nazis haben sie als arbeitsscheu diskriminiert und durch einen schwarzen Winkel auf der Brust stigmatisiert.

Mittelalte blonde Frau mit zurück gestylten Haaren und einer Brille sowie einer weißen Bluse
Unsere Autorin Angela Wolf
Studioline

Damals war die Entmenschlichung staatlich angeordnet. Doch die dahinterstehende Haltung lässt sich auch heute wieder beobachten – in der Gewalt gegen Obdachlose, im Wegsehen vieler. Der politische Rechtsruck und der fortschreitende Sozialabbau nähren soziale Ängste und damit einen neuen, umgangssprachlichen Sozialdarwinismus. Wenn die Schere weiter klafft, droht Mitgefühl zu verblassen. Nächstenliebe aber bleibt Prüfstein einer menschlichen Gesellschaft – oder sie verliert ihre Seele.

Angela WolfA
Ein Beitrag von:

Angela Wolf

hat nach einer Ausbildung Soziologie, Politik und Psychoanalyse in Frankfurt am Main und Journalismus am Deutschen Journalisten Kolleg in Berlin studiert. Als Ehrenamtliche gründete sie ein Zeitungskollektiv in „ihrem“ Frankfurter Stadtteil und rutschte so in die evangelische Publizistik. Bis heute schreibt sie für das Evangelische Frankfurt und Offenbach, war Redakteurin bei der Evangelischen Sonntags-Zeitung und ist Stipendiatin von Journalismfund Europe, einer unabhängigen Stiftung für investigativen Journalismus. Seit Sommer 2024 ist sie Redakteurin bei der evangelischen Wochenzeitung „Unsere Kirche“ in Bielefeld. Seit 2025 gehört sie zudem zum Online-Redaktionsteam von evangelische-zeitung.de.

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