Hunderttausende Prostituierte soll es in Deutschland geben. Politiker, Experten und Betroffene diskutieren, welche Maßnahmen ihnen Schutz bieten könnten – zum Beispiel durch eine Bestrafung von Freiern.
Politiker und Fachleute fordern einen Kurswechsel mit Blick auf Prostitution in Deutschland. Der “Handel mit der Ware Mensch, mit der Ware Frau” sei der “brutalste und profitabelste Bereich zwischen Drogen und Waffenhandel”, sagte Michael Brand (CDU), Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesfamilienministerium, am Donnerstag bei einer Fachveranstaltung des Bundesverbandes Nordisches Modell.
Offiziell als sogenannte Sexarbeiterinnen registriert sind demnach 32.000 Frauen in Deutschland; gleichwohl gebe es hunderttausende. “Wir alle wissen, dass es enorm viel mehr sind. Das Dunkelfeld macht uns blind”, sagte Brand. Entscheidend sei, dieses aufzuhellen und betroffene Frauen besser zu schützen. Familienministerin Karin Prien (CDU) wolle dafür in den kommenden Wochen eine Unabhängige Expertenkommission einsetzen.
Diese Kommission soll herausarbeiten, welche Handlungsoptionen Bund, Länder und Kommunen haben, um die Schwächen des zur Zeit geltenden Prostituiertenschutzgesetzes zu reduzieren. Eine Möglichkeit sei die Einführung des so genannten Nordischen Modells: Es stellt den Kauf sexueller Dienstleistungen sowie deren organisierte Vermittlung unter Strafe – entkriminalisiert aber die Prostituierten selbst und bietet ihnen Unterstützung beim Ausstieg und Neuanfang.
Laut Studien hat sich dieses Modell in mehreren europäischen Ländern als wirksam erwiesen. Demnach sind Prostitution und Menschenhandel in Schweden, Norwegen und Frankreich zurückgegangen. Ziel des vor mehr als zehn Jahren eingeführten Prostituiertenschutzgesetzes war es, die sexuelle Selbstbestimmung von Prostituierten sowie ihren Schutz vor Zwang und sexueller Ausbeutung zu stärken.
Cathrin Schauer-Kelpin von der Beratungsstelle Karo, einem Verein, der Prostituierte in Deutschland und Tschechien betreut, beklagte eine “verzerrte Darstellung in der deutschen Öffentlichkeit, was Prostitution für die Betroffenen bedeutet.” In den allermeisten Fällen vegetierten Prostituierte vor sich hin; sie hätten keine finanzielle Alternative, seien durch ihre Tätigkeit physisch und psychisch stark belastet. Oft hätten sie geringe Deutschkenntnisse und könnten sich mit Freiern nicht einmal verständigen. “Die reiche Prostituierte ist das Märchen, das gern erzählt wird. Die habe ich in meiner über 30-jährigen Arbeit nicht getroffen”, sagte die Beraterin. Auch habe die Brutalität der Freier deutlich zugenommen.
Die SPD-Bundestagsabgeordnete Jasmina Hostert sagte, die Gesellschaft habe sich daran gewöhnt, “dass Prostitution normal ist.” Mitunter sei ein Bordellbesuch zum 18. Geburtstag etwas Normales; wenn er aber strafbar wäre, sähe die Sache schon anders aus. “Man muss den Jungs hierzulande beibringen, dass Frauen keine Ware sind.”
Die CDU-Abgeordnete Anja Weisgerber sagte, das Verbot des Sexkaufs in umliegenden Ländern führe dazu, dass Deutschland “zum Bordell Europas” werde. Die Leiterin der Fachberatungsstelle SOLWODI Aachen, Maria Jordan, erklärte: “Die meisten Frauen tun es aus finanziellen Notlagen heraus. Sie entschließen sich, das bis zu einem gewissen Grad zu ertragen, um etwa die Familie zu Hause im Ausland unterstützen zu können.”
Eine Aussage von Frauen vor Gericht sei nur schwer zu erwirken. Viele hätten Sorge, selbst belangt zu werden. Das betreffe etwa Frauen, die sich mit illegalen Papieren im Land aufhielten oder auch Frauen, die sich nicht offiziell als Sexarbeiterin angemeldet hätten, sagte Jordan.