Fortschritte, Defizite, offene Fragen prägen die Debatte: Die Teilnehmer der letzten Vollversammlung des Synodalen Wegs blicken unterschiedlich auf die Missbrauchsaufarbeitung in der katholischen Kirche.
Über die Fortschritte bei der Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche gehen die Meinungen weiterhin auseinander. Teilnehmer des Synodalen Wegs zur Zukunft der katholischen Kirche in Deutschland zogen bei der Abschlusssitzung des Reformprojekts am Freitag in Stuttgart eine gemischte Bilanz. Nicht allen geht das Erreichte weit genug. Der Missbrauchskandal zählte zu den Auslösern für den Synodalen Weg; die systemischen Faktoren, die Missbrauch in der Kirche begünstigt haben, waren in den vergangenen rund sechs Jahren immer wieder Thema in den Debatten.
Johannes Norpoth, Mitglied im Betroffenenbeirat bei der Deutschen Bischofskonferenz, beklagte teils weiterhin bestehende massive Defizite. Es gebe aber auch einige positive Effekte: “Dass wir heute hier sitzen und offen über Macht und Gewaltenteilung, über Geschlechtergerechtigkeit, über die Sexuallehre dieser Kirche und über die Lebensform des Klerus sprechen, ist keine Selbstverständlichkeit.”
Auch im Bereich der Prävention habe sich einiges getan, tausende Menschen seien geschult und sensibilisiert worden, so Norpoth. “Der Weg zu einer wirklich betroffenenorientierten inneren Haltung ist trotz aller Mühen immer noch ein sehr weiter.” Kritisch äußerte er sich etwa über das von der Kirche verantwortete System der Anerkennungsleistungen. Es sei unzureichend und berge die Gefahr einer Retraumatisierung der Betroffenen.
Am Vorabend war bei der letzten Synodalversammlung eine Evaluation der Katholischen Universität Eichstätt vorgestellt worden, in der die Effekte des Synodalen Wegs aus Sicht der Teilnehmer untersucht wurden. Etwa die Hälfte der Synodalen hatte sich daran beteiligt. Demnach hatten diese mehrheitlich den Eindruck, dass der Synodale Weg nur “einen geringen Beitrag zur Behebung systemischer Ursachen sexualisierter Gewalt oder im Wiedergewinnen verloren gegangenen Vertrauens in der Kirche” erbracht habe. Einen “großen Beitrag” habe der Synodale Weg hingegen zur Enttabuisierung von Themen und zur Anerkennung diskriminierter Gruppen geleistet.
Der Aachener Bischof Helmut Dieser zeigte am Freitag noch einmal die Entwicklungen zur Aufarbeitungsarbeit der vergangenen Jahre auf. Seit 2020 ist ein Betroffenenbeirat bei der Deutschen Bischofskonferenz ein Beratungsgremium. Ende 2024 nahm ein Sachverständigenrat seine Arbeit auf, dessen Mitglieder durch eine unabhängige Auswahlkommission ohne kirchliche Beteiligung bestimmt werden. Aufgabe ist ein Monitoring der bestehenden Maßnahmen in den Bistümern zum Schutz vor sexuellem Missbrauch und Gewalterfahrungen. Dazu gehören eine jährliche Datenerhebung und sogenannte Tiefenbohrungen, wie Dieser es nannte, in drei Bistümern pro Jahr.
In nahezu allen Bistümern sind inzwischen unabhängige Aufarbeitungskommissionen installiert. Dieser erklärte: “Es wird wichtig bleiben, dass wir uns immer wieder Expertise von außen holen.” Die Beteiligung der Betroffenen sei inzwischen fest verankert. “Wir verstehen uns in diesem Feld als lernende Organisation.”