Der Gefängnispastor der Hamburger Haftanstalt Santa Fu geht in Ruhestand

Gebete hinter Gittern

Er betet gemeinsam mit Mördern und Geiselnehmern. Jetzt geht der Gefängnispastor der Hamburger Haftanstalt Santa Fu, Christian Braune, in den Ruhestand – und spricht sich gegen lange Haftstrafen aus.

Gefängnispastor Christian Braune vor der Haftanstalt Santa Fu

von Timo Teggatz

Hamburg. Den schwarzen Talar lässt er lieber im Schrank. Wenn Christian Braune einen Gottesdienst leitet, ist weiß seine bevorzugte Farbe – aus gutem Grund. „Richter und Staatsanwälte tragen auch schwarze Talare“, sagt der Pastor. Und an diese Amtsträger haben die Besucher seiner Gottesdienste keine guten Erinnerungen. Braune arbeitet als Gefängnispastor in Santa Fu, Ende dieses Monats geht der 65-Jährige in den Ruhestand.

Vorher hat Braune in der Kirche der Haftanstalt noch einen letzten Gottesdienst gehalten und sich von den Gefangenen verabschiedet. Ansonsten war es wie immer am Sonntagmorgen um 9 Uhr: Etwa 50 Inhaftierte sind dabei, wenn Braune im wöchentlichen Wechsel mit seinem katholischen Kollegen einen Gottesdienst anbietet. „Es wird sehr viel gesungen“, sagt der Pastor. Meistens passiert das auf Englisch oder Spanisch, die Predigt spricht Braune auf Deutsch. Dabei geht es eben nicht um das Leben hinter Gittern, sondern um ganz alltägliche Themen.

Kein Blick in die Akte

Doch nicht nur sonntags ist Braune für die Gefangenen da. Mitten in der Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel hat er sein Büro, dessen Türen immer offen stehen. So können die Gefangenen spontan vorbeikommen, wenn sie ein Problem haben. Doch den großen Teil seiner Seelsorge absolviert Braune per Termin. Zu vielen der Inhaftierten hat Braune eine Beziehung aufgebaut, auch wenn viele von ihnen muslimisch sind. Denn fast 70 Prozent haben laut Braune einen ausländischen Hintergrund.

Die Gefangenen kommen regelmäßig bei ihm vorbei, manche sogar jede Woche. Dann geht es oft darum, die Tat zu verarbeiten, und um die Frage, wie man mit der Trennung von Partner und Kind klar kommt. Auch das, was die Täter den Opfern angetan haben, spiele eine Rolle, berichtet Braune.

Wenn der Gefängnispastor einen Inhaftierten zum ersten Mal trifft, schaut er vorher nicht in dessen Akte. Er wolle dem Menschen unvoreingenommen gegenüber sitzen, sagt der Theologe. Doch er gibt zu: Das gelinge nur schwer. Denn in Santa Fu sitzen 280 Männer, die langjährige Haftstrafen verbüßen – Drogenhändler, Geiselnehmer und Mörder. Weitere 140 Männer sitzen wegen Sexualdelikten in einer sozialtherapeutischen Anstalt. „Inzwischen kann ich eine professionelle Distanz einnehmen“, sagt Braune.

Begleitung für Freigänger

Am Ende der langen Haftzeit hilft Braune den Gefangenen, in ein Leben in Freiheit zurückzufinden. Er begleitet sie bei ihren Freigängen, wo den Männer der Kauf einer Bahnkarte manchmal genauso schwerfällt wie der Besuch bei der Familie. Denn beides haben sie viele Jahre lang nicht gemacht.

In seinen neun Jahren in Santa Fu hat Braune eine Vater-Kinder-Gruppe eingeführt. Einmal pro Monat verbringen die Väter gemeinsam mit ihren Kindern einen Nachmittag, spielen Tischtennis und essen zusammen Abendbrot. Die Gruppe hat Braune „in bester Zusammenarbeit“ mit der Leitung der Anstalt aufgebaut, wie er selbst sagt.

Kürzere Haftstrafen gefordert

Und warum bewirbt sich ein Pastor auf eine solche Stelle? 20 Jahre hatte Braune zuvor als Seelsorger im Unfallkrankenhaus Boberg gearbeitet. Er hatte das Gefühl, vor seinem Ruhestand „noch einmal etwas Neues“ wagen zu wollen. Als dann das Angebot für Santa Fu kam, sei ihm klar geworden, dass beide Stellen ihre Parallelen hätten. Hier wie dort gehe es nämlich darum, Menschen in seelischen Ausnahmesituationen zu begleiten.

In seiner Zeit in Santa Fu hat Braune eines gemerkt: Haftstrafen von mehr als zehn Jahren seien zu lang. Das würden auch kriminalpsychologische Studien zeigen. „Die Gefangenen beginnen, sich als Opfer der Justiz zu sehen. Wut und Hass steigen“, sagt Braune, der für anschließende Unterbringungen in sozialtherapeutischen Anstalten plädiert.

Info
Mit einem Gottesdienst am Sonntag, 26. Januar, um 18 Uhr im Ökumenischen Forum, Shanghaiallee 12, wird Christian Braune in den Ruhestand verabschiedet.

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