Frankreich diskutiert erneut über Sterbehilfe

Bislang ist in Frankreich nur erlaubt, Todkranke am Lebensende dauerhaft zu sedieren und Apparate abzuschalten. Doch Präsident Emmanuel Macron will das ändern.

Ein Bürgerkonvent berät ab Freitag über Sterbehilfe in Frankreich
Ein Bürgerkonvent berät ab Freitag über Sterbehilfe in Frankreichimago images/photothek

Paris. Was wird in Frankreich aus der Sterbehilfe? An diesem Freitag nimmt ein sogenannter Bürgerkonvent zum Thema Lebensende seine Beratungen auf. Präsident Emmanuel Macron hatte das Projekt ins Leben gerufen; er wünscht sich eine breite Debatte in der Bevölkerung. Macron will auch das Parlament erneut mit der Frage befassen, um eine mögliche Gesetzesänderung bis Ende 2023 auf den Weg zu bringen.

Die Diskussion um aktive Sterbehilfe und ein selbstbestimmtes Lebensende ist im Nachbarland seit 2020 neu entbrannt. Während konservative Abgeordnete und Religionsvertreter Liberalisierungen vehement ablehnen, setzt sich die Präsidentenpartei „Renaissance“ (zuvor „La Republique en Marche“) dafür ein. Allerdings kamen entsprechende Gesetzesänderungen in der abgelaufenen Legislatur im Parlament nicht zustande.

Heftige Debatten

Bislang ist in Frankreich nur gesetzlich erlaubt, Todkranke am Lebensende dauerhaft zu sedieren und Apparate abzuschalten. Fälle von Schwerkranken, die sterben wollen oder deren Angehörige sie sterben lassen wollen, sorgen immer wieder für heftige öffentliche Debatten.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron
Frankreichs Präsident Emmanuel MacronIMAGO/Xinhua

Im Vorfeld des Bürgerkonvents betonten führende französische Religionsvertreter in dieser Woche noch einmal die grundlegende Bedeutung der Menschenwürde und ihr Verständnis vom Tod als einem „Übergang“. Wie die Zeitung „La Croix“ berichtete, nahmen ranghohe Vertreter von Judentum, Islam, christlichen Konfessionen und Buddhismus an einem Symposium in Paris teil, wo sie mit Ärzten, Politikern und Verbänden diskutierten. Mehrere Redner kritisierten demnach eine Emotionalisierung der Debatte durch die Regierung; es brauche Besonnenheit und breite Information.

Frankreichs katholische Bischöfe fordern eine flächendeckende Palliativversorgung statt der Einführung von aktiver Sterbehilfe. Während der Corona-Krise habe die Gesellschaft „schwere Opfer gebracht, um ‚das Leben zu retten‘, insbesondere der Schwächsten, manchmal sogar bis zur Überisolierung kranker oder älterer Menschen“, hieß es in einer Erklärung der Bischofskonferenz vom September. „Wie soll man da verstehen, dass nur wenige Monate nach dieser großen nationalen Mobilisierung der Eindruck entsteht, die Gesellschaft sehe keinen anderen Ausweg (…) für das Lebensende als aktive Sterbehilfe?“

Kehrtwende beim Ethikrat

Seit Sommer 2021 hatte sich auch der französische Ethikrat erneut mit dem Thema befasst. Im September 2022 gab die nationale Ethikkommission erstmals grundsätzlich Grünes Licht für eine mögliche rechtliche Freigabe von assistiertem Suizid in einem klar abgesteckten Rahmen. Das Votum stellt einen starken Bruch mit früheren Stellungnahmen dar; zuvor hatte sich das beratende Gremium stets gegen jede Beihilfe ausgesprochen. Acht Mitglieder reichten eine abweichende Meinung zu der Stellungnahme des Rates zum Lebensende ein.

Zugang könnten nach dem Mehrheitswillen des Rates etwa Erwachsene bekommen, die unheilbar und lebensbedrohlich körperlich oder psychisch krank sind. Behandelnde im Gesundheitswesen sollen die Möglichkeit erhalten, aktive Sterbehilfe abzulehnen; dann müssten sie aber kranke Betroffene an andere Einrichtungen weitervermitteln. (KNA)