Flucht-Expertin über Klimaschutz: “Es zählt jedes Zehntel-Grad”

Obwohl es Klimaschutz weltpolitisch und gesellschaftlich derzeit schwer hat, ist die Weltklimakonferenz (COP) im brasilianischen Belém wichtig. Davon ist Teilnehmerin Katherine Braun überzeugt: „Die COP ist das einzige Forum, in dem alle Staaten gemeinsam verhandeln. Ohne COPs und ohne das Pariser Abkommen lägen wir heute auf einem Vier-Grad-Pfad“, sagt die Referentin für Migration im Ökumenewerk der Nordkirche, die für „Brot für die Welt“ an der Konferenz teilnimmt, im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Hier würden die Regeln für Klimafinanzierung, Anpassung, Emissionsminderung und für den Schutz Betroffener festgelegt. Braun: „Ohne diese Prozesse würden besonders verletzliche Staaten schlicht keine Unterstützung erhalten.“

Bei der Klimaerwärmung zähle jedes Zehntelgrad. „Jedes vermiedene Zehntel bedeutet weniger Vertreibung, weniger Hunger, weniger zerstörte Existenzen. Es geht nicht um Fatalismus, sondern darum, den Schaden zu begrenzen und die Menschen zu schützen, die die Krise nicht verursacht haben“, sagt die Referentin, die auf der COP Verhandlungen zu Flucht, Migration und Menschenrechten begleitet. Die Klimakrise wirke als Konfliktverstärker, zerstöre schleichend Lebensgrundlagen oder zwinge ganze Gemeinden in Küsten- und Inselstaaten durch den Meeresspiegelanstieg zur Umsiedlung.

„Klimabedingte Vertreibung muss endlich als Querschnittsthema in allen relevanten Verhandlungssträngen ernst genommen werden“, fordert Braun. Menschen würden wegen Wüstenausbreitung, Starkregen, erodierender Lebensgrundlagen, Wasserknappheit, Ressourcenkonflikten oder wegen des steigenden Meeresspiegels flüchten. „Wir brauchen Reparationen für Klimaschäden. Viele Schäden sind irreversibel und langfristig - versalztes Land, verlorene Ernten, zerstörte Dörfer, aufgegebene Küstenregionen.“ Der bestehende Fonds für Verluste und Schäden decke bisher fast nur kurzfristige Katastrophen ab, nicht aber die dauerhaften, existenzvernichtenden Folgen.

Dafür brauche es mehr Finanzierungsquellen, doch es fehle am politischen Willen. Braun denkt an eine globale Solidaritätsabgabe, etwa auf Privatjets oder Luxusreisen in der ersten Klasse. Diese könne je nach Ausgestaltung bis zu 43 Milliarden US-Dollar im Jahr einbringen. Solche Instrumente würden die strukturelle Abhängigkeit von einzelnen großen Gebern wie den USA verringern und „die Verantwortung gerechter verteilen - gerade dort, wo klimaschädlicher Lebensstil am ausgeprägtesten ist“.

Als Teilnehmerin einer kirchlichen Delegation aus Deutschland habe sie eine besondere Position. Kirchen und kirchliche Netzwerke hätten in vielen Ländern weiterhin Zugänge zu Verhandlungen, die zivilgesellschaftlichen Gruppen zunehmend erschwert werden. Braun: „Gleichzeitig sind Kirchen unmittelbar bei den Menschen, die am stärksten von der Klimakrise betroffen sind.“ Sie würden humanitäre Hilfe leisten, Umsiedlungen begleiten und beim Wiederaufbau unterstützen.

Die 30. UN-Klimakonferenz findet vom 10. bis 21. November in Belém im brasilianischen Amazonasgebiet statt.

👋 Unser Social Media