Vor 40 Jahren demonstrierten erstmals Schwule und Lesben für ihr Recht

Flagge zeigen für mehr Rechte

Vier Jahrzehnte ist es her, dass in Hamburg Schwule und Lesben das erste Mal für ihre Rechte auf die Straße gingen. Seither hat sich der „Christopher Street Day“ sehr gewandelt.

Über St. Georg wird am Sonntag wieder die Regenbogenfahne wehen, auch wenn der CSD in diesem Jahr ausfallen muss.

Über St. Georg wird am Sonntag wieder die Regenbogenfahne wehen, auch wenn der CSD in diesem Jahr ausfallen muss.

von Johanna Tyrell

St. Georg/Borgfelde. Wenn Thomas Lienau-Becker an den Sommer 1980 zurückdenkt, ist es, als sei es gestern gewesen. Da war dieses Plakat. „Gay Pride Week“. Die Welt schien für den damals 20-Jährigen still zu stehen. Schwule Männer. „Männer, die genauso sind wie ich – nur dass ich mich damals noch nicht traute“, erinnert er sich. Veranstaltungen, Demonstrationen, Feiern. Er tauchte in eine bis dahin unbekannte Welt. „Diese Tage Ende Juni 1980 haben mein Leben verändert“, sagt Lienau-Becker heute.

Vor 40 Jahren demonstrierten Schwule und Lesben auf der Straße

Denn damals gingen in Hamburg erstmals Schwule und Lesben auf die Straße, um für ihre Rechte zu demonstrieren. Seither erinnern sie Jahr für Jahr an den Aufstand und die Polizeiwillkür nach einer Razzia in einer New Yorker Bar in der Christopher Street 1969 und protestieren gegen Gewalt und die Diskriminierung von sexuellen Minderheiten.
Seit dieser ersten „Pride Week“ war für Lienau-Becker klar: „Ich stehe zu meiner Homosexualität – auch wenn es noch viele Jahre dauern sollte, bis ich das wirklich in allen Lebenslagen offen und selbstverständlich sagen und zeigen konnte.“

Aus der „Gay Pride Week“ ist heute der „Christopher Street Day“ (CSD) geworden, aus Thomas Lienau-Becker der Pastor bei „positiv leben & lieben“, der Hamburger Aids-Seelsorge. Inzwischen ist er selbst Gastgeber beim CSD. Doch die Zeit im Sommer berührt ihn auch noch nach vier Jahrzehnten jedes Mal aufs Neue. „Diese Tage vermittelten eine Ahnung davon, dass noch so viel mehr möglich sein könnte an Liebe und Lust, an Freiheit und Glück“, sagt er.

Der erste CSD mit seiner Demo ist auch Kai Reinecke, früher Wirt vom Café Gnosa und Aktivist, im Gedächtnis geblieben. Doch es ist weniger eine fröhliche bunte Party, von der er erzählt. Er berichtet vielmehr von Tränengas und Knüppeln der Hamburger Polizei. „Es ging um heimlich geschossene Fotos für eine Schwule Kartei, die wir von Zivilbeamten zurückforderten“, erinnert sich Reinecke.

Schwule und lesbische Hochzeiten sind eine wichtige Errungenschaft

Seither hat sich vieles verändert – in der Schwulen-Szene und der gesamten Gesellschaft. „Damals in den 70er- und 80er-Jahren war das Ziel das schwule selbst­bestimmte Ausleben der Bedürfnisse nach den eigenen sehr persönlichen Vorstellungen und Prägungen und nicht nach den Vorbildern und Regeln der Eltern, Familie und Gesellschaft“, erinnert er sich. Die daraus entstandene Sub-Kultur sei ein wichtiger Ort der Selbstfindung gewesen – besonders für junge Menschen im Coming-out. „Dass Lesben und Schwule heiraten können, ist fraglos eine Errungenschaft, aber mit ihr beginnt unter anderem auch eine Anpassung an gesellschaftliche Normen“, sagt er.

Der CSD ist eine glitzernde und schrille, fröhliche Party, aber eben auch eine Demonstration einer politischen Haltung. Das erlebte auch Silke Zwing, Kirchengemeinderätin in der Gemeinde St. Georg-Borgfelde, als sie vor ein paar Jahren die „Queer-Refugees“ erlebte, als diese das erste Mal bei der Parade in Hamburg dabei waren. „Diese jungen Menschen haben ein Banner mit Flaggen der Länder getragen, in denen ihr Leben mit der Todesstrafe bedroht ist“, erzählt sie.

Homosexualität steht in Teilen Europas immer noch unter Strafe

Und auch wenn es in Deutschland inzwischen eine Ehe für Alle gibt: Von gleichen Rechten sind homosexuelle Paare in Deutschland noch immer weit entfernt. Wie zum Beispiel im Familienrecht. In Teilen Europas steht Homosexualität noch immer unter Strafe und außerhalb Europas unter Todesstrafe.

Zwar muss der CSD in diesem Jahr coronabedingt weitgehend ausfallen, einen Gottesdienst wird es aber dennoch geben. Dazu lädt Pastor Thomas Lienau-Becker zusammen mit seinem Amtskollegen Thomas Friedhoff von der Basisgemeinde MCC-Hamburg ein. Ab Freitag, 31. Juli, wird er auf dem Youtube-Kanal von „positiv leben & lieben“ zu sehen oder unter www.aidsseelsorge.de zu finden sein.

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