Fachleute hinterfragen gängige Vorstellungen von “Normalität”

"Eine Art zu denken ist nicht besser als die andere"

Die Suizidzahlen sind wieder leicht gestiegen. Fachleute suchen nach Erklärungen - und werben für ein breiteres Verständnis von "Normalität". Die Entwicklung betreffe die ganze Gesellschaft.

Alle 51 Minuten nimmt sich in Deutschland ein Mensch das Leben: 10.372 Personen waren es nach neuesten Zahlen im Jahr 2024, ein Anstieg von 68 Fällen oder 0,6 Prozent. Wer diesen Schritt gehe, habe die Suche nach persönlichem Glück als vermeintlich aussichtslos aufgegeben, sagt der Psychiater Walter Machtemes. Um so wichtiger sei es, Suizidgedanken ernstzunehmen - und auch psychosomatische Symptome, die womöglich harmloser erscheinen, etwa wiederkehrende Schmerzen ohne körperliche Ursache oder Bluthochdruck.

Solche Symptome könnten auch auf gesellschaftliche Missstände hindeuten, fügt der Experte hinzu. Besonders heikel seien stets Übergangsphasen: So entwickelten viele Menschen etwa beim Übergang von der Schule zum Studium oder vom Studium zum Beruf erstmals Angstsymptome, weil sie nicht wüssten, was sie erwarte. Der erlebte Verlust von Struktur und Sinnhaftigkeit sei in der Regel vorübergehend - dennoch gelte es, in diesen Momenten genau hinzusehen. Insofern brauche es mehr Augenmerk für soziale Aspekte von Gesundheit.

Gefährlich werde es, wenn Menschen derartige Warnzeichen unterdrückten, mahnt der Mediziner. "Daher gilt es, loszulassen, sich zu fragen: Was stört mich im Leben? Was möchte ich loswerden?" Viel zu früh werde mitunter unterstellt, dass psychisch erkrankte Menschen "nur nicht arbeiten" wollten - dabei mache manche schlicht das System krank, in dem sie lebten.

Die "erste Krankheit des Systems" ist für Machtemes eine Orientierungslosigkeit, die sich in der Politik zeige, etwa bei Friedensverhandlungen oder der Rentendebatte. Wenn dieses Gefühl jedoch die Einzelnen befalle, führe es zu Erkrankungen. Hinzu kämen enttäuschte Erwartungen, der Verlust von Sicherheiten und Identitätskrisen. Statussymbole machten niemanden gesund, doch Menschen stellten zunehmend ihren "Marketing-Charakter" nach vorn, um sich beispielsweise im Beruf unverzichtbar zu machen: Konkurrenz und Konsum seien zu kaum hinterfragten Regeln der Gesellschaft geworden.

Ebenso warnt der Facharzt für Psychotherapie Peer Abilgaard davor, schon Kinder nach Leistung zu bewerten. "Wer weniger leistungsfähig ist, gilt als Loser - und selbst das wird im Fernsehen vermarktet. Das Publikum zu Hause denkt sich: 'Was ein Glück, dass ich anders bin'." Soziale Plattformen wie Facebook, Instagram und Tiktok spitzten diese Entwicklung weiter zu: Sie gaukelten eine "Welt ohne Scheitern" vor, weil sich dort alle selbst als erfolgreich vermarkteten. Gerade junge Menschen bräuchten jedoch Räume, in denen sie auch offen darüber sprechen könnten, wenn etwas nicht gelinge.

Abilgaard zitiert den Philosophen Immanuel Kant (1724-1804) mit den Worten: "Der Mensch hat immer einen Wert ... Jeder Mensch ist deshalb wertvoll, weil er ein Mensch ist." Für diese Überzeugung müsse medizinisches Fachpersonal heute "mehr denn je" eintreten - in einer Welt, in der Schwäche unsichtbar werden solle.

Das betrifft nach Worten von Machtemes auch die Frage, wer als gesund oder als krank gelte. Schon länger betrachten Psychiatrie und Neurobiologie bestimmte Phänomene wie den Autismus nicht als behandlungsbedürftig, solange Betroffene keinen Leidensdruck verspüren. Innerhalb des Spektrums geht es vielmehr um verschiedene Ausprägungen und Bedürfnisse.

Bei allen Menschen lässt sich indes zwischen zielorientiertem Denken und dem Reiz-Reaktions-Modell unterscheiden. Zielorientiertes Denken brauche man für Planung und vernünftige Entscheidungen, erklärt die Neurowissenschaftlerin Claire Gillan. Zugleich sei das Reiz-Reaktions-Modell für alltägliche Effizienz unabdingbar, da darüber etwa automatisierte Handlungen wie das Autofahren abliefen.

Menschen mit Zwangsstörungen beschrieben das Ringen zwischen diesen "zwei Gehirnen" als besonders ausgeprägt: Ein rationaler Teil sage ihnen etwa, dass es unnötig sei, erneut zu prüfen, ob der Herd wirklich ausgeschaltet ist - und der andere, dass sie dies unbedingt tun müssten. Grundsätzlich brauche es aber eine Balance, betont die Wissenschaftlerin: "Eine Art zu denken ist nicht besser als die andere."

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