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Expertin: Gleichberechtigung und Frieden gehören für Suttner zusammen

„Die Waffen nieder!“ heißt der Roman, der die Pazifistin Bertha von Suttner (1843-1914) international bekannt machte. Vor 120 Jahren, am 10. Dezember 1905, bekam sie als erste Frau den Friedensnobelpreis. Und viele ihrer Ideen seien heute vielleicht aktueller denn je, sagt Clara Perras, Expertin für feministische Friedens- und Konfliktforschung beim Peace Research Institute Frankfurt. Ein epd-Gespräch über Frieden, Geschlechtergerechtigkeit und eine Symbolfigur, die sich gegen viele Widerstände durchsetzte:

epd: Inwiefern hingen für Bertha von Suttner die Gleichberechtigung der Frauen und der Weltfrieden zusammen?

Clara Perras: Bertha von Suttner verstand Gleichberechtigung und Frieden als zwei Seiten derselben gesellschaftlichen Transformation, für die sie sich eingesetzt hat. Aus ihrer Perspektive waren Krieg und Militarismus keine isolierten Ereignisse, die irgendwo „da draußen“ stattfanden, sondern Ausdruck tief verwurzelter, patriarchaler und ungerechter gesellschaftlicher Strukturen.

Dieses System des Militarismus hat sie verstanden als einen Spiegel für eine gesellschaftliche Ordnung, die auch Frauen ausschloss, ungerechte Hierarchien zwischen Geschlechtern reproduzierte und Gewalt als legitimes Mittel sozialer Kontrolle akzeptierte. Das wird auch in ihrem bekannten Roman „Die Waffen nieder!“ ganz gut deutlich, wo sie anhand der fiktiven Figur der Martha Althaus aufzeigt, wie Krieg das private und gesellschaftliche Leben durchdringt und zum Beispiel Familien und Vertrauen zerstört.

epd: War dieser Gedanke 1905 neu?

Perras: Die Ideen von Bertha von Suttner können wir heute als den Ursprung eines feministischen Pazifismus verstehen, der dann noch weiterentwickelt wurde. Interessant ist auch, dass Bertha von Suttner sich selbst nicht als Feministin bezeichnet hat, obwohl ihr feministische Prinzipien sehr nah waren und auch ihre Biografie zeigt, dass sie sehr stark gegen damalige Vorstellungen, wie Frauen zu leben haben, rebelliert hat. Aber sie selbst hat sich ganz klar und primär als Pazifistin verstanden und nicht als Feministin.

epd: Bertha von Suttner hat mit Alfred Nobel zusammengearbeitet und gilt als geistige Mutter des Friedensnobelpreises. Warum hat es dann vier Jahre gedauert, bis sie selbst ausgezeichnet wurde? Oder ist es eher verwunderlich, dass sie als Frau schon nach vier Jahren den Friedensnobelpreis bekam?

Perras: Zur damaligen Zeit war es aus meiner Sicht eine Sensation, dass sie bereits nach vier Jahren den Friedensnobelpreis erhielt. Sie war ja schon sehr lange eine zentrale Symbolfigur der europäischen Friedensbewegung und seit längerer Zeit sehr bekannt. Rückblickend lag es an mehreren Faktoren, dass es vier Jahre gedauert hat. Zum einen waren natürlich die frühen Nobelpreiskomitees eher männlich dominiert und konservativ geprägt. Zusätzlich war ihre Rolle als Frau und Intellektuelle und sehr gesellschaftskritische Person durchaus provokant.

Und ihre Schriften und Gedanken haben damals einfach sehr polarisiert: Einerseits bekam sie sehr viel Zuspruch, auf der anderen Seite aber eben auch sehr viel Kritik. In einer hochmilitarisierten Gesellschaft, in der der Krieg glorifiziert wurde, werte ich es schon eher als Sensation, dass sie als Frau angesichts militärischer Gewalt und patriarchaler Strukturen diese Auszeichnung schon nach vier Jahren bekommen hat.

epd: War Ihre Ehrung 1905 denn ein gesellschaftlicher Skandal?

Perras: Die Reaktionen gingen in sehr unterschiedliche Richtungen. In der internationalen Presse wurde sie viel gefeiert, als moralische Autorität, als Ikone des Friedens und als Stimme Europas gegen den Militarismus. Für die Friedensbewegung und für friedensbewegte Frauen war die Auszeichnung eine enorme Ermutigung, weil der Preis ihre Rolle als intellektuelle Vermittlerin verstärkte.

Ihre Worte und Visionen hatten nun durch diesen Preis noch mehr Gewicht, auch auf internationalen Kongressen, und sie hat auch viele Generationen von Aktivistinnen, auch feministischen Friedensaktivistinnen inspiriert. Beispielsweise sieht sich die 1915 gegründete Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit/Women’s International League for Peace and Freedom auch in der Tradition von Bertha von Suttner.

Auf der anderen Seite gab es aber doch sehr verhaltene Resonanz, zum Beispiel aus dem sehr konservativen Österreich, wo sie ja gelebt hat, wo sie vorher auch schon sehr stark kritisiert wurde und es viel Unverständnis gab für ihre Gesellschaftskritik. Da wurde sie beispielsweise als „Friedensbestie“ oder „Rote Bertha“ bezeichnet. An ihrer Person und ihrer Ehrung mit dem Friedensnobelpreis wurde die Polarisierung der Gesellschaft also deutlich sichtbar.

epd: Bertha von Suttner ist schon weit über ein Jahrhundert tot. Gab es denn auch Punkte, wo sie ganz Kind ihrer Zeit war, wo sie heute überholt ist?

Perras: Insgesamt wirkt ihr Vermächtnis auf sehr vielen Ebenen fort. Viele, auch feministische Friedens- und Konfliktforscherinnen und -forscher, beziehen sich in ihren Analysen von Militarismus und Krieg auf Ideen von Bertha von Suttner. Auch ihre Ideen, wie internationale Ordnung aussehen kann, sind prägend. Die Idee von Schiedsgerichten, von europäischer Integration, aber eben auch diese erste Verbindung von Geschlechtergerechtigkeit und Frieden – das sind schon Dinge, die auf jeden Fall weiter fortbestehen und heute vielleicht sogar wieder aktueller denn je sind.

Auf der anderen Seite gibt es auch Komponenten Ihres Denkens, die aus heutiger Sicht erweitert werden müssen. Sie hat zum Beispiel in ihren Analysen sehr eurozentristisch argumentiert. Sie hat koloniale Kontinuitäten, Rassismus und Klassenverhältnisse nur am Rande thematisiert. Das sind aus einer intersektionalen feministischen Forschungsperspektive heute zentrale Komponenten, um auch tatsächlich die globalen Zusammenhänge von Gewalt, Krieg und Frieden zu verstehen. Diese Komponenten wurden vor allem von feministischen Friedensaktivisten und -aktivistinnen, Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen weiterentwickelt. Aber sie hat diesen Raum geöffnet und ein Fundament geschaffen, auf das heute immer noch aufgebaut wird.