Die diesjährige Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) beschäftigt sich seit dem Wochenende in Dresden mit dem Schwerpunktthema „Kirche und Macht“. Hintergrund ist die im Januar 2024 veröffentlichte evangelische Missbrauchsstudie. Die Erkenntnisse von Verantwortungsdiffusion im Umgang mit schwersten Verbrechen sollen auch zu einem Reflexionsprozess führen, wie in der evangelischen Kirche über Macht gesprochen wird.
„Von meinem 11. bis zu meinem 18. Lebensjahr wurde ich von einem Dekanatsjugendwart missbraucht und vergewaltigt, ich war schutzlos und ausgeliefert“, berichtete ein Betroffener am Samstag auf der Bühne. Der Täter sei ein charismatischer Mann Ende 30 gewesen. „Er hatte alle Macht, weil die Kirche als sicherer Ort der Begegnung galt, wo Undenkbares nicht passieren konnte.“ Nach den Schilderungen Betroffener herrschte langes Schweigen im Saal.
Der Hildesheimer Theologe Georg Kalinna stellte in seinem Vortrag fest, dass in der Theologie Macht eng mit dem Göttlichen zusammenhänge. Daher stehe ein positiver Machtbegriff im Vordergrund. „Die Fokussierung auf gute Macht, sei sie schützend, fürsorglich oder befreiend, kann den Blick auch für Aspekte von Macht verstellen, wenn es um notwendige Kontrolle oder Checks-and-Balances geht“, warnte er.
Der Bielefelder Organisationssoziologe Stefan Kühl sagte, neben klaren Fällen von Gewalt müssten auch Graubereiche angeschaut werden, für die es zahlreiche Beispiele gebe. Es sei naiv, davon auszugehen, dass man in einer Organisation offen über Macht sprechen könne.
Alena Höfer, Referentin für Frauenpolitik und intersektionalen Feminismus bei der Evangelischen Kirche von Westfalen, nannte als ersten Schritt für eine machtsensible Kirche die Reflexion darüber, „wer noch nicht am Tisch der Entscheidung sitzt“. Für mehr Diversität und Repräsentanz sei entscheidend, wer Delegierte für Kirchengremien wähle und ob es dort eine Repräsentanz bestimmter Gruppen gebe. Haltung bedeute nicht, ein Statement oder Grundlagenpapier zu produzieren, sondern „in der permanenten Begegnung mit Betroffenen von Diskriminierung klare Positionen zu vertreten“.
Thema der bis Mittwoch tagenden Synode ist auch eine Verkleinerung des Gremiums. Künftig soll sich die Größe stärker an der Zahl der Kirchenmitglieder orientieren. Vorgesehen ist, dass jede Landeskirche zunächst zwei Sitze in der EKD-Synode erhält. Größere Landeskirchen ab 400.000 Mitgliedern sollen für je weitere 400.000 Mitglieder einen weiteren Sitz erhalten. Nach der neuen Regelung hätte das oberste Entscheidungsgremium der EKD noch 97 Sitze statt derzeit 128.