Ethikrats-Vorsitzende: Gesellschaft muss sich mit Alter beschäftigen

"Mehr um das Leben kämpfen, statt dem Tod Tür und Tor zu öffnen" - so die Devise der evangelischen Theologin Susanne Breit-Keßler. Die Vorsitzende des Bayerischen Ethikrats sieht auch den Staat in der Verantwortung.

Die Vorsitzende des Bayerischen Ethikrats, Susanne Breit-Keßler, sieht es als notwendig an, dass sich die Gesellschaft neu mit dem Alter beschäftigt. Es bringe nicht allein Erfahrung und Weisheit mit sich, sondern auch Einschränkungen, sagte die 71 Jahre alte frühere Münchner evangelische Regionalbischöfin der "Süddeutschen Zeitung" vom Wochenende. Die Gesellschaft hänge sehr an Utopien von Fitness, Schönheit und ewiger Jugend. "Wir brauchen role models, die vorleben, was es heißt, wirklich alt zu werden - mit allem, was dazu gehören kann, auch an Charme, Esprit und Schönheit."

Vor allem aber brauche es ein deutlich größeres Engagement für eine intensive Suizidprävention, forderte Breit-Keßler. Ein entsprechendes Präventionsgesetz des Bundes, das gute Rahmenbedingungen und verbindliche Ziele vorgebe, lasse auf sich warten. Das Motto der Hospizbewegung sei, Lebensqualität auch in beschwerlicher Zeit zu unterstützen. "Also: Strukturell und gemeinschaftlich sowie individuell Leben im Alter fördern, statt das Alter, wenn es beschwerlich wird, abzuschaffen", so die Ethikratsvorsitzende. Ihre Devise laute: "Mehr um das Leben kämpfen, statt dem Tod Tür und Tor zu öffnen."

Als Seelsorgerin rät Breit-Keßler, Menschen, die Angst vor Krankheit und Armut im Alter hätten, zuzuhören und sich erzählen zu lassen, was sie bewege und was sie fürchteten. Im Gespräch könnten Wege und Möglichkeiten auch für schwierige Zeiten gefunden werden. Es sei aber auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, dafür Sorge zu tragen, dass alte Menschen nicht in Not gerieten. Zudem gelte es, Pflegekräfte und ihre Leistungen mehr wertzuschätzen und sie nicht bloß in Notsituationen zu beklatschen.

In dem Interview wurde die ehemalige Regionalbischöfin auch zum Thema assistierter Suizid gefragt. Sie sagte, dass ihr ein niederländischer Arzt erzählt habe, mehr als 3.000 Menschen zum Sterben "verholfen" zu haben: "Er konnte das nicht mehr ertragen und wollte aussteigen aus dem 'Todeskarussell'. Das hat er dann getan."

Breit-Keßler berichtete von einer Frau, die als einzige aus dem Familienkreis dabeigeblieben sei, als der Vater das bei einer der bekannten Gesellschaften bestellte Mittel selbst eingenommen habe. Dieses habe aber offenbar nicht richtig gewirkt. "Der Todeskampf dauerte nach ihren Worten zwölf Stunden. Die Tochter hat von diesem Erleben ein Trauma erlitten und brauchte anschließend Therapie und seelsorgliche Begleitung."

Seelsorgende seien für Angehörige da, auch und gerade nach einem Suizid - und zwar ohne jede moralische Verurteilung, versicherte Breit-Keßler. Auch hier sei Empathie gefragt, nämlich da zu sein, hinzuhören und miteinander zu reden. "Wer für das Leben eintritt, lässt niemanden allein."

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