Die Tübinger Ethikerin Jessica Heesen hält es für möglich, dass die Nutzung künstlicher Imitationen von Verstorbenen schon bald selbstverständlich sein wird. Die Nutzung von Künstlicher Intelligenz (KI) und menschlichen Imitationen verbreite sich rasant, sagte Heesen in einem am Donnerstag veröffentlichten Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). "Und dann braucht man für die Avatare quasi nur noch einen Hebel umlegen".
Solche Möglichkeiten könnten bei der Trauerbewältigung helfen, sagte Heesen. In den USA machten einige Angehörige davon schon Gebrauch, während dies in Deutschland bislang unüblich sei.
Derartige Gespräche mit bereits Verstorbenen hätten aber auch Schattenseiten: Trauernde könnten dadurch Schwierigkeiten haben loszulassen. Sie bewegten sich in einer Endlosschleife, weil der Trauerprozess nicht weitergehe. Heesen: "Die Avatare können eine sehr hohe Suggestivkraft haben. Das ist anders als bei einem Foto des Verstorbenen", meint die Wiessenschaftlerin, die am Tübinger Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW) Leiterin des Forschungsprojekts Medienethik, Technikphilosophie und KI ist.
Zudem gebe es kaum rechtliche Regelungen, erklärte sie. Avatare könnten leicht gekapert und dann missbraucht werden. Sie könnten in Pornos projiziert werden oder der Avatar eines Verstorbenen könne so manipuliert werden, dass er etwa zu einem Anhänger des Nationalsozialismus werde. Es brauche daher eine Abschätzung der Folgen. "Wir stehen hier noch am Anfang", so Heesen.