Unveröffentlichte Studie

Erzbischof Heße: Ich habe keine Missbrauchsfälle vertuscht

Eine "indifferente Haltung" und "fehlendes Problembewusstsein" wirft die Studie dem ehemaligen Kölner Generalvikar vor. Der verteidigt sich – und bemängelt das Konzept der Studie.

Stefan Heße bei seiner Vorstellung als Erzbischof in Hamburg im Januar 2015

von Michael Althaus

Hamburg. Gespannt hatten Beobachter den Termin erwartet: Am 12. März wollte das Erzbistum Köln eine unabhängige Studie zum sexuellen Missbrauch durch Kleriker vorstellen. „Wir wollen Versagen und Schuld benennen“, hatte Kardinal Rainer Maria Woelki versprochen – und dass auch Namen genannt würden. Doch daraus wurde vorerst nichts.

Die Präsentation der von einer Münchener Kanzlei durchgeführten Untersuchung wurde kurzfristig abgesagt und auf unbestimmte Zeit verschoben. Die geplante Nennung ehemaliger oder aktiver Verantwortlicher brauche noch eine rechtliche Klärung, so die offizielle Begründung des Erzbistums.

Gutachten nur in Teilen bekannt

Nun dringen erste Teile des Gutachtens an die Öffentlichkeit. Nach Informationen der „Zeit“-Beilage „Christ & Welt“ wird mit dem Hamburger Erzbischof Stefan Heße erstmals ein Kirchenmann der ersten Reihe ins Zwielicht gerückt. Der war, bevor er 2015 Erzbischof von Hamburg wurde, ab 2006 Personalchef und später Generalvikar im Erzbistum Köln und soll dort Missbrauchsfälle vertuscht haben. Außerdem soll er unter Berufung auf seine Persönlichkeitsrechte maßgeblich zur Absage des Präsentationstermins beigetragen haben.

„Christ & Welt“ zitiert aus einer juristischen Stellungnahme des Erzbistums Hamburg vom 27. Mai. Demnach bescheinigt die Münchner Studie dem Kölner Erzbistum „regelmäßig wiederkehrende, durchgängig festzustellende Mängel in der Sachbehandlung von Missbrauchsfällen“, die auf einer „indifferenten, von fehlendem Problembewusstsein geprägten Haltung des Dr. Heße gegenüber Fällen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Kleriker“ basieren sollen.

Stefan Heße bei seinem Weihgottesdienst im St. Mariendom in Hamburg im März 2015 Foto: Stephan Wallocha / epd

Heße, der sich stets dafür ausgesprochen hatte, Verantwortlichkeiten klar zu benennen, bestreitet diese Pauschalbeschuldigung. Nach Durchsicht der Kölner Akten, die ihm erst im April und nach mehrmaligem Drängen zur Verfügung gestellt worden seien, habe er gute Argumente gegen diesen Befund: „Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt, um jedem Fall gerecht zu werden.“ So sei etwa in einem von sechs Fällen, in denen Vorwürfe gegen ihn erhoben würden, der mutmaßlich Betroffene bereits erwachsen gewesen.

Akten vernichtet

„Ich persönlich nehme für mich in Anspruch, dass ich meine Verantwortung wahrgenommen und nicht vertuscht habe“, so der Erzbischof weiter: „Ich habe immer hin- und nicht weggeschaut.“ Zugleich räumte er ein, dass zu seiner Zeit im Erzbistum Köln nicht alles glatt gelaufen sei. So wurden offenbar in Köln wie in den meisten Bistümern Unterlagen mit Hinweisen zu Missbrauchsfällen in einem Geheimarchiv gelagert. Diese Akten wurden im Rhythmus von zehn Jahren durchgesehen und vernichtet. Diese gängige Praxis hat Heße nach eigenen Angaben gestoppt.

Mit Blick auf die von Kardinal Woelki in Auftrag gegebene Studie erklärte Heße, er sei von Anfang an zur Mitarbeit bereit gewesen. Zugleich übte er jedoch Kritik an der Durchführung. Der Prozess sei nicht besonders transparent gewesen: „Ich habe insgesamt den Eindruck, die Verfasser der Studie hätten gründlicher arbeiten können.“ In einem Schreiben an das Erzbistum Köln habe er kurz vor der geplanten Präsentation auf datenschutz- und persönlichkeitsrechtliche Aspekte hingewiesen. Heße verlangt, dass die Studie nur zusammen mit seiner Sicht veröffentlicht werden darf.

Juristisches Vorgehen nicht ausgeschlossen

Wie Teile davon vor der offiziellen Veröffentlichung an die Presse gelangten, ist ebenso unklar wie die Frage, wer Recht hat – Heße oder die Gutachter. Möglicherweise muss das am Ende ein Gericht entscheiden. Heße schloss auf Nachfrage jedenfalls nicht aus, juristisch gegen das Erzbistum Köln oder die beauftragte Münchner Kanzlei vorzugehen, wenn seine Forderung nicht erfüllt werden sollte. Angst um sein Amt hat der Erzbischof nach eigenen Worten nicht: „Ich stelle mich der Aufarbeitung.“

Möglicherweise bringt die Veröffentlichung der kompletten Studie mehr Klarheit. Die Präsentation dürfte aber noch auf sich warten lassen; einen Termin dafür gibt es noch nicht. Kardinal Woelki, der den Inhalt des Gutachtens eigenen Angaben nach noch nicht kennt, hatte jedoch bereits erklärt: „Nichts von dem, was wir versprochen haben, wird zurückgenommen. Namen werden genannt.“

Das Erzbistum Köln hatte sich nach Anfrage der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) bis Mittwochnachmittag noch nicht zu der Angelegenheit geäußert. (KNA)

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